Ein zweischneidiger Wert

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16-04-21 08:35:00,

Burak Erbasi: Herr Wolff, Bitcoin steht aktuell bei einem Rekordhoch von über 61.000 US-Dollar (Stand 14. März 2021) pro Stück. Wie bewerten Sie die weitere Entwicklung des Kryptomarkts vor allem in Bezug auf die steigende Nachfrage aus der klassischen Finanzwelt — steht, angetrieben durch das große institutionelle Kapital, die Massenadaption von Bitcoin beziehungsweise der Blockchain-Technologie bevor, oder haben wir es mit einem vergänglichen Trend und einer Blasenbildung zu tun?

Ernst Wolff: Erst einmal muss man wissen, worum es sich bei Bitcoin überhaupt handelt. Bitcoin ist im Grunde eine Vereinbarung zwischen verschiedenen Menschen, dieses Instrument als Währung zu akzeptieren. Wenn wir uns die Geschichte der Währungen anschauen: Währungen sind entstanden aus dem Tauschhandel, woraus sich allmählich die Edelmetalle als allgemeine Tauschmittel entwickelt haben. Aus den Edelmetallen sind dann die Münzen geworden, daraus sind dann später die Papierwährungen und Digitalwährungen entstanden. Und irgendwann im letzten Jahrhundert sind die Währungen endgültig von festen Werten abgekoppelt worden. Also der Dollar ― die Leitwährung seit 1944 ― ist im Jahre 1971 vom Gold abgekoppelt worden und seitdem haben wir es weltweit mit einem Fiat-Währungssystem zu tun.

Die ganzen klassischen Währungen, wie wir sie jetzt kennen, waren einst durch Gold oder etwas anderes gedeckt. Bitcoin jedoch und all die anderen Kryptowährungen sind die ersten Währungen, die sofort als Fiat-Währung das Licht der Welt erblickt haben. Das heißt konkret: Bitcoin wird von den Menschen entweder akzeptiert oder eben nicht akzeptiert. Inzwischen hat es sich aber durchgesetzt, dass viele Leute Bitcoin als Geld ansehen, und dadurch hat Bitcoin auch eine gewisse Stärke gewonnen.

Allerdings ist Bitcoin auch zu einem Spekulationsobjekt geworden. Ich weiß, dass der Ansatz von Bitcoin mit demokratischen oder gar mit anarchistischen Vorstellungen angedacht war, weil man vorhatte, sich außerhalb des Bankensystems zu bewegen. Man wollte völlig unabhängig vom Bankensystem sein. Das Problem dabei ist jedoch, dass Bitcoin in unserer Gesellschaft existiert — und unsere Gesellschaft hat die Tendenz, alles sofort zum Spekulationsobjekt zu machen; und so ist es nicht verwunderlich, dass schließlich auch Bitcoin zu einem Spekulationsobjekt gemacht wurde.

Man erkennt das an mehreren Punkten; unter anderem daran, dass es bereits klassische Finanzprodukte, wie zum Beispiel Derivate, auf Bitcoin gibt. Aber das große Problem besteht darin, dass die existierenden Bitcoins sehr ungleich verteilt sind — wie alles andere Geld auch. Es ist bekannt, dass 80 Prozent der Bitcoins im Besitz von 20 Prozent der Nutzer sind,

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