Der Schnellschuss

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17-04-21 11:16:00,

Juli Zeh verarbeitet in „Über Menschen“ mindestens zwei zentrale Themen: Corona und Rechtsradikalismus. Die Handlung des 400-Seiten-Romans ist so nah an unserer aktuellen Lebenswirklichkeit, dass es manchmal schon wehtut. „Mit den Klopapierpackungen links und rechts unter die Arme geklemmt fühlt sich Dora wie die Karikatur eines deutschen Corona-Bürgers.“ Weite Passagen des Buchs klingen, als wären sie kritischen Zeitungsessays zum Thema Corona entnommen. Wie oft haben Kritiker gegen Schriftsteller aber den gegenteiligen Vorwurf erhoben: sie trauten sich an die brisanten tagesaktuellen Themen nicht heran und flüchteten ins Allgemein-Menschliche.

Der Titel des Buchs knüpft zunächst an Juli Zehs Erfolgsroman „Unter Leuten“ (2016) an, zu dem 2018 sogar eine Serie gedreht wurde. Da die Autorin seit 2007 im Dorf Barnewitz in der Brandenburger Peripherie lebt, dürfte sie in beiden Romanen eigene Erfahrungen verarbeitet haben. Der Titel „Über Menschen“ deutet einerseits an, dass im Buch über Menschen geredet wird, andererseits spielt Friedrich Nietzsches Begriff „Übermensch“ und sein Bezug zu den Herrenmenschen-Fantasien der Nazis mit hinein. Zum Verständnis muss ich die Romanhandlung kurz skizzieren:

Dora, eine junge Werbetexterin, flieht im Jahr 2020 aus Berlin in die brandenburgische Provinz, nachdem ihr Lebensgefährte Robert zum „Corona-Experten“ und somit zu einem unerträglichen Gedankenpolizisten mutiert ist.

„Es war Liebe auf den ersten Blick. Als hätte er heimlich schon jahrelang auf das Virus gewartet. (…) Alles hört auf ein Kommando, jeder Zweifel wird zur Meuterei. Endlich denken alle dasselbe. Endlich reden alle über dasselbe. Endlich gibt es verbindliche Regeln für eine außer Kontrolle geratene Welt.“

Der Roman schildert die beklemmende Stimmung in Corona-Deutschland recht anschaulich:

„Eine junge Mutter schrie einen Jogger an, er solle nicht so heftig atmen. In manchen Fenstern verkündeten Fahnen: ‚Wir bleiben zu Hause!‘ Diese Menschen waren Teil von etwas, auch wenn Dora nicht wusste, wovon. Sie saßen hinter den Fahnen und hofften, dass es in Berlin nicht so schlimm werden würde wie anderswo.“

Hier wird auch der Unterschied zwischen Stadt und Land zum Thema. Dora nimmt an, „dass die Pandemie tatsächlich zu einer Renaissance des Landlebens führen könnte, weil Homeoffice auch im Niemandsland geht und man sich hier draußen irgendwie freier fühlt, fast so, als würde das Virus gar nicht richtig existieren. Nur ein überreizter Albtraum der Metropolen.“

Sie mietet ein Haus mit Grundstück, versucht sich mit großen Anlaufschwierigkeiten in der Kunst des Renovierens und des Gartenbaus.

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