Die Schule des Lebens

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17-04-21 11:12:00,

Ich bin gerne in die Schule gegangen. So gerne, dass ich Lehrerin wurde. Was habe ich alles gelernt: Gummitwist, Murmeln, Himmel und Hölle, Pausenbrote teilen, mit Freundinnen quatschen, Jungs anschwärmen, … Vieles ist mir in Erinnerung geblieben. Mit den Inhalten des Unterrichts hingegen sieht es anders aus. Rechtschreibung, ein bisschen Dreisatz, die Erinnerung an Anne Frank und Homo Faber und Fremdsprachen. Dreizehn Jahre habe ich dafür gebraucht. Mein Abitur brauchte ich, um sieben Jahre lang an einer Universität zu studieren. Meine zwei Staatsexamen brauchte ich in meiner beruflichen Laufbahn eigentlich nur ein Mal, um die vor mir liegende Urkunde zur Verbeamtung nicht zu unterschreiben.

Zwanzig Jahre lang habe ich Noten bekommen. Doch ich habe nicht gelernt, was eigentlich meine Qualitäten sind.

Niemand hat sich für meine Kreativität interessiert oder für meine ganz eigenen Talente, niemand hat meine Fähigkeiten außerhalb der vorgegebenen Bahnen erkannt und freigelegt. Ich habe gelernt, zu gehorchen und den Arm zu heben und nicht, meine Gefühle besser wahrzunehmen, meine Ängste zu überwinden, meine Bedürfnisse klarer zu formulieren und besser mit anderen Menschen umzugehen. Ich habe so gut wie nichts über das mich betreffende Leben gelernt und den größten Teil meiner Schul- und Studienzeit damit verbracht, mich auf die Pausen und die Ferien zu freuen.

Trotz der systematischen Abfertigung in den viel zu großen Klassen habe ich mich für den Lehrberuf entschieden — wenn ich ehrlich bin, nicht aus pädagogischem Eifer, sondern weil mir nichts Besseres einfiel und wegen der vielen Ferien. Mein Glück war es, dass ich nach Frankreich auswanderte und nicht in das staatliche Schulsystem einstieg. Ich arbeite an privaten Hochschulen und in der Erwachsenenbildung in überschaubaren Gruppen. Meine Hauptaufgabe besteht darin, Frust von Menschen abzubauen, die in langen Schuljahren nicht das gelernt haben, wozu Sprachen eigentlich da sind: zum Kommunizieren.

Seit gut einhundert Jahren sind es nicht mehr die Hausväter, die für die Bildung ihrer Nachkommen zuständig sind, sondern Vater Staat. Im Grundschulgesetz der Weimarer Verfassung wurden Vorgaben formuliert, die bis heute unverändert sind. Im Artikel 145 heißt es: „Es besteht allgemeine Schulpflicht. Ihrer Erfüllung dient grundsätzlich die Volksschule mit mindestens acht Schuljahren und die anschließende Fortbildungsschule bis zum vollendeten achtzehnten Lebensjahre.“ Wer wollte daran zweifeln, dass das zu unserem Besten geschieht!

Die allgemeine Schulpflicht dient der Durchsetzung des staatlichen Erziehungsauftrags. Dank ihr werden wir zu verantwortlichen Staatsbürgern herangezogen und zu selbstverantwortlichen Persönlichkeiten in einer pluralistischen Gesellschaft ausgebildet.

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