Aus dem Film aussteigen

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21-04-21 10:30:00,

Der Winterschlaf ist vorbei. Die Natur erwacht. Der alte Bär reckt und streckt sich in alle Richtungen. Was lange ruhte, strebt wieder der Sonne entgegen. Was versteckt war, kommt ans Tageslicht. Leben will sich ausdehnen und wachsen. Es will sich fortpflanzen und weitergehen. Daran können auch ein paar menschengemachte Verordnungen nichts ändern. Mag mancher glauben, alles sei unter Kontrolle — das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen, die letzte Szene ist noch nicht abgedreht, der Vorhang noch nicht gefallen.

Alles strebt hinaus an die frische Luft und atmet Frühlingserwachen. Wie gut die tiefen Atemzüge tun! Wie wohltuend ist es, den giftigen Lappen vom Gesicht zu nehmen und frei zu atmen! Sauerstoff fließt, die Lungen weiten sich, das Herz geht auf, das Gehirn wird wieder durchblutet und der Blick klar. Wir richten uns zu unserer vollen Größe auf, wischen uns den Schlaf aus den Augen und sehen uns an, was los ist.

Die Straßen sind leer, kein Leben ist auf den öffentlichen Plätzen. Die Orte, wo Menschen sich treffen können, sind geschlossen, unzählige Existenzen ruiniert. Die Alten sind an Einsamkeit gestorben, viele Jüngere haben sich das Leben genommen, die Kinder sind traumatisiert. Wenn sie sich ihr Leiden als Erwachsene nicht ins Bewusstsein rufen, werden sie ihr Trauma an die folgenden Generationen weitergeben, so wie es immer geschieht, wenn wir etwas nicht sehen wollen und wegdrängen. Es entwickelt ein eigenes Leben und gärt unter verschlossenem Deckel, bis es früher oder später explodiert.

Letztlich kommt alles ans Licht. Es ist der natürliche Gang der Dinge, dass das Lebendige in Richtung Sonne wächst. Nichts kann diesen Prozess aufhalten. Wir können es lernen, eine Weile die Luft anzuhalten, uns dabei verkrampfen und verbiegen und so tun, als sei alles normal so — doch irgendwann müssen wir an die Oberfläche. Je früher wir das tun, desto besser ist es für uns.

Das Schlimmste, was wir uns selbst und unseren Nachkommen antun können ist, die Dinge nicht wahrhaben zu wollen.

Da ist etwas — eine unangenehme Sache, ein Problem, eine Störung, doch wir wollen es nicht sehen und versteifen uns darauf, in unserem Film zu bleiben, in den Bildern und Vorstellungen, in denen wir es uns bequem gemacht haben.

Im gemütlichen Sessel sitzen zu bleiben, macht nicht nur dick. Es tötet auf Dauer. Wer so tut,

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