Die Kulturwüste

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21-04-21 10:31:00,

Das Schweigen der Künstler oder auch ihr Eintreten für den Komplex, der als „Narrativ“ bezeichnet wird, hatte ich bereits eingehend und detailliert Ende September 2020 in einem Rubikon-Artikel erläutert. Doch trotz allen rationalen Verstehens bleibt immer noch die eigentlich vernunftwidrige, romantische Imagination, dass die „Kunst“ — in einer nicht näher konkretisierten Form — einem Deus ex Machina oder zumindest einer Art Kompensation gleich erscheint und etwas gewährt, dass, wenn schon nicht als Rettung, so doch zumindest als Trost interpretiert werden kann, als kleines Glück im großen Unglück, als Aufwandsentschädigung für den strapaziösen Trip ins Schattenreich.

Der Schweizer Schriftsteller Hermann Burger — der sich im Februar 1989 im Alter von 46 Jahren durch eine Überdosis Medikamente suizidierte — hat dies meisterhaft in einer der beeindruckendsten Erzählungen deutschsprachiger Literatur beschrieben, einem „Hydrotestament in fünf Sätzen“ mit dem Titel „Die Wasserfallfinsternis von Badgastein“ (1). Erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt bei Burgers denkwürdigem Auftritt und Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Preises im Rahmen der Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur im Sommer 1985, bei dem er und sein Text wirkten, als hätte sich Muhammad Ali zum Kirmesboxen verirrt. Dieser Preis — gestiftet von der Stadt Klagenfurt im Gedenken an die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann — gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen im deutschen Sprachraum. Bei der Veranstaltung werden unveröffentlichte Texte von den Autoren vor Publikum und TV-Kameras im ORF-Theater der Kärntner Landeshauptstadt gelesen und von einer Jury analysiert und bewertet.

Die Zeit erlebte Burgers Auftritt seinerzeit so:

„Es war am dritten Tag des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt, als es geschah. Zwanzig Autoren hatten schon gelesen, schlechte und weniger schlechte, manchmal ganz gute Texte, aber immer noch war kein Preisträger in Sicht (…). Nurmehr vier Schriftsteller hatten zu lesen, und die literarische Landschaft war immer noch wüst und leer. Draußen strahlte die Sonne überm Wörthersee, drinnen strahlten die Scheinwerfer im Sendesaal des Österreichischen Fernsehens, und Hermann Burger aus Brunegg in der Schweiz las ‚Die Wasserfallfinsternis von Badgastein‘, ein ‚Hydrotestament in fünf Sätzen‘, wie er es nannte, und endlich brach sich der mühsam gezügelte Begeisterungswille Bahn, konnte und durfte sich der Jubelschrei lösen, der allen elf Juroren schon längst auf den Lippen lag. Peter Härtling bekannte, er sei den Tränen nahe, und als Marcel Reich-Ranicki, der unumstrittene Chef des umstrittenen Wettbewerbs, erklärte,

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