Die grüne Anarchistin

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23-04-21 12:20:00,

Die Mistel, genauer die Weißbeerige Mistel, gehört zu den ungewöhnlichsten Pflanzen unserer Breitengrade. Ist sie eine „Anarchistin“, im Sinne von einem Leben ohne Herrschaft, ohne Obrigkeit, dafür selbstbestimmt?

Zunächst einmal ist sie ein immergrüner Strauch, der 50 bis 100 cm hoch wird, nestartig wachsende, ledrig, gelbgrüne Blätter und Sprosse bildet und damit auf Bäumen schmarotzt. Sie wächst also nicht auf der Erde, sondern „wurzelt“ in den Sprossachsen von Wirtsbäumen. Damit beginnen schon die Besonderheiten.

Alle Pflanzen sind an physikalische und klimatische Regeln oder Gesetze gebunden. Die Mistel entzieht sich den angeblichen Notwendigkeiten und scheint, nach ihren eigenen Grundsätzen zu leben. Beispielsweise richtet sich ihr Wachstum nicht an der Erdanziehung aus. Sie kennen das: Wenn Sie einen bewachsenen Blumentopf hinlegen, streben die Triebe der Pflanze wieder in Richtung Sonne und die Wurzeln wachsen wieder in Richtung Erde. Die Mistel dagegen wächst immer kugelig, ohne sich nach der Erdanziehung oder der Sonne auszurichten.

Wenn die anderen Pflanzen in der Winterpause sind, blüht und fruchtet die Mistel. Je nach Witterung bilden sich ihre Blüten in Mitteleuropa von Mitte Januar bis Anfang April. Dann nimmt sie sich recht viel Zeit, rundherum neun Monate, bis sie in der Adventszeit perlenartige, weiße Früchte hervorbringt.

Des Weiteren bildet die gelbgrüne Rinde der Sprosse keine Korkschicht oder keine Borke, sodass ihre Zweige ihr Leben lang Photosynthese wie die Blätter betreiben können. Ihre Blätter entwickeln sich dabei nie über das Stadium des Keimblattes hinaus. Sie formt auch keine echten Wurzeln, sondern sogenannte grüne Rindenwurzeln. Schließlich ist sie eine immergrüne Pflanze, kann jedoch nicht welken.

Schon unsere sehr frühen Vorfahren erkannten die Außergewöhnlichkeit der Mistel. Sie nutzten sie als Heil- und Schutzpflanze und sprachen sie heilig. Der Mistelkult stammt bereits von den jungsteinzeitlichen und megalithischen Kulturen unseres Halbkontinents und wurde von den Kelten übernommen und weiter getragen. Ein Brauch, der noch häufig zelebriert wird, ist, zur Weihnachtszeit einen Mistelzweig über der Türschwelle zu hängen. Wer sich unter der Mistel befindet, ist — wie sie selbst — frei von allen gesellschaftlichen Konventionen. Deshalb darf sogar jeder jeden oder jede küssen, auch außerhalb der eigenen Partnerschaft!

Die Mistel symbolisierte die Nahtstelle zwischen Leben und Tod sowie das Tor zwischen der einen und der anderen Jahreshälfte und wurde dazu bei den Sonnenwendfeiern eingesetzt.

Sie ist selbst weder Baum noch Kraut und hilft,

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