Brutus Liefers

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26-04-21 03:21:00,

„Brutus, auch du!“, rief der Überlieferung nach der große Kaiser Cäsar, kurz bevor er tot zu Boden sank. Kurz zuvor hatte eine Gruppe von Senatoren ihm die Dolche in den Leib gerammt – und unter ihnen eben auch jener Brutus, manche sagen, sein Freund, manche sagen gar, es sei sein Sohn gewesen, jedenfalls ein enger Vertrauter. Seitdem ist der Ausruf des römischen Kaisers zum Sinnspruch der Enttäuschung über einen Menschen geworden, dem man vertraut hatte, von dem man gemeint hatte, Werte und Ziele zu teilen und der nun plötzlich etwas getan hat, was man als „Stich ins Herz“ empfindet. Nun hatte Cäsar nicht mehr genug Zeit, um über die Frage zu reflektieren, ob der Fehler vielleicht bei ihm selbst gelegen haben könnte, ob er selbst womöglich in den letzten Monaten etwas getan haben könnte, was den wohl Vertrauten gegen sich aufgebracht hat. Bekanntlich verschied er wenige Sekunden, nachdem er den Satz gesprochen hatte, der ihn bis heute überdauert, und man muss auch zugeben, dass der Moment, in dem man von Messerstichen übersät zu Boden sinkt, nicht eben der Zeitpunkt ist, an dem man zu selbstkritischer Reflexion neigt. Von Jörg Phil Friedrich.

Anders liegen die Dinge, wenn man heute gewahr wird, dass einer, den man schätzte, urplötzlich unter Leuten auftaucht, die man doch eigentlich verachtet. So scheint es seit Donnerstagabend vielen Menschen in diesem Lande zu gehen, die die Videos von 53 Schauspielern gesehen haben, in denen diese ironisch, sarkastisch oder satirisch den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung „zustimmen“ – und sich damit natürlich genau gegen diese Maßnahmen, jedenfalls in der derzeitigen Umsetzung, stellen.

Ich gestehe, mich beim Anschauen der Filme köstlich amüsiert zu haben und das Gefühl gehabt zu haben, dass hier auf mal bitter-ironische, mal heiter-satirische Weise Probleme des derzeitigen Umgangs mit der Pandemie in Politik und Alltag verhandelt wurden. Aber meine Kompetenz ist nicht die der Kunstkritik, ich kann die Qualität und Umsetzung der Werke nicht professionell analysieren und beurteilen, sondern nur ganz intuitiv Beifall klatschen. Was ich hier versuchen will, ist, zu untersuchen, was die Reaktionen über den Zustand des öffentlichen Diskurses und des demokratischen Selbstverständnisses in diesem Land sagen.

Da ist zunächst das, was man als Cäsar-Brutus-Syndrom bezeichnen kann. Wenn eine geschätzte Person etwas tut, was man „nicht von ihr erwartet hätte“, dann wird das nicht zum Anlass genommen,

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