Heuchelei hat Hochsaison

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26-04-21 03:25:00,

Die Protestaktion „#allesdichtmachen“ sei eine Verhöhnung derer, die jeden Tag an ihre Grenzen gehen, um auf den Intensivstationen das Leben Covid-19-Erkrankter zu retten. Diesen Satz hörte und las man in den letzten Tagen häufiger. Da bleibt einem wirklich die Spucke weg. Wo waren denn die moralinsauren selbsternannten Anwälte der Pflegekräfte vor Corona? Hat einer der Empörten sich eigentlich jemals für die Situation in den deutschen Krankenhäusern interessiert, wenn es nicht darum ging, die Corona-Politik der Bundesregierung zu verteidigen oder gar schärfere Maßnahmen zu fordern? Die Instrumentalisierung von Pflegekräften für die eigenen Belange hat mittlerweile ein Maß erreicht, das kaum mehr erträglich ist. Die Heuchelei hat Hochsaison. Ein Kommentar von Jens Berger.

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Der niederträchtigste aller Schurken ist der Heuchler, der dafür sorgt, dass er in dem Augenblick, wo er sich am fiesesten benimmt, am tugendhaftesten auftritt.
– Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.)

Um es vorwegzunehmen: Bitte verzeihen Sie mir den sicherlich emotionalen Tonfall dieses Kommentars. Aber ich bin bei diesem Thema – wie man so schön sagt – familiär vorbelastet. Meine Frau arbeitet selbst als Krankenschwester mit Corona-Patienten. Ja, die Situation auf den Stationen ist prekär. Aber das ist sie nicht erst seit Corona. Die desolaten Arbeitsbedingungen in den deutschen Krankenhäusern sind seit mehr als zehn Jahren bekannt. Dass Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern sowohl physisch als auch psychisch an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit und oft darüber arbeiten, ist keine Folge von Corona, sondern der traurige Normalzustand. Die Politik weiß das und auch die Leitartikler und die dauererregte und empörte Twitter-Gemeinde weiß das. Wirklich interessiert hat dies jedoch niemanden. Hin und wieder wird die Pflegekatastrophe zwar mal kritisch zur Kenntnis genommen, doch schon einen Wimpernschlag später muss man ja die nächste Sau durchs virtuelle Dorf treiben. Sorry, liebe Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern – wir sind zwar ganz doll solidarisch, haben aber Wichtigeres zu tun. Aber wir sind in Gedanken bei euch.

Mit den Privatisierungen fing es vor rund 20 Jahren an. Dann wurde die Situation von Jahr zu Jahr schlimmer. Schon vor fünf Jahren sagte mir meine Frau, dass man nun am absoluten Limit arbeite. Früher betreute eine Pflegekraft im Normalbetrieb 10 Patienten,

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