Die Angstmanipulation

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28-04-21 10:41:00,

Der Konnex von Politik und Angst darf als axiomatisch gelten. Von jeher basierte die Machtausübung auf einem gewissen Maß von Angst derer, die sich der Herrschaft unterwarfen. In der Neuzeit war wohl Thomas Hobbes der Erste, der diese inhärente Verbindung prägnant auf den Punkt brachte: Die durch einen fundamentalen ökonomischen Mangel hervorgerufene Gleichheit im Naturzustand schafft eine durch permanente Unsicherheit und gegenseitiges Misstrauen gekennzeichnete Realität, die zwangsläufig in den „Krieg eines jeden gegen jeden“ führen muss, einen Krieg, der fortwährt, solange die Menschen „ohne eine allgemeine, sie alle im Zaum haltende Macht“ leben.

Hobbes beschreibt diesen Krieg als einen Zustand beständigen Schreckens, in dem das menschliche Leben „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ sei; nicht von ungefähr zählt er denn unter den verschiedenen Ursachen für das notgedrungene Übereinkommen der Menschen, sich jener „allgemeinen Macht“ zu unterwerfen, die entscheidendste — „was das Schlimmste von allem ist“ —, nämlich die „beständige Furcht und Gefahr eines gewaltsamen Todes“ (2).

Diese Auffassung des notwendigen Übergangs vom Naturzustand in den Zustand herrschaftlicher Souveränität diente Hobbes zur philosophischen Legitimation der absoluten Monarchie — eine mögliche, wenn auch keineswegs zwingende Folgerung, wie sich alsbald an John Lockes und späterhin Rousseaus Jean-Jacques politischer Philosophie erweisen sollte. Gleichwohl erfasste Hobbes das Wesentliche: die zivilisatorische Verkettung von Politischem mit Angst. Hobbes’ Lehre bezog sich allerdings auf die reale Angst, die rational nachvollziehbare, vom Überlebensinteresse geleitete Reaktion des Geängstigten angesichts einer wirklichen Bedrohung: Jeder Mensch im Hobbes’schen Naturzustand ist in der Tat durch jeden anderen potenziell bedroht. Dies sei hervorgehoben, denn mittlerweile hat der Angstbegriff eine wesentliche Modifikation erfahren, nämlich die von Freud vorgenommene Unterscheidung zwischen Realangst und neurotischer Angst.

Realangst begreift Freud als „eine uns begreiflich scheinende Reaktion auf die Gefahr, das heißt, auf erwartete Schädigung von außen“, wohingegen die neurotische Angst als „durchaus rätselhaft, wie zwecklos“ erscheinen mag (3).

Sigmund Freud unterscheidet demnach zwischen der sogenannten „Signalangst“, die der Wahrnehmung realer Gefahren und der Möglichkeit, ihnen durch adäquates Verhalten zu entgehen, dient, und der neurotischen Angst, einer trügerischen, dem Menschen imaginäre Gefahren vorspiegelnden Täuschung. Die Bereitschaft, sich einer solchen Täuschung hinzugeben, erklärt sich für Freud damit, dass sie uneingestandene, von frühen Kindheitserlebnissen herrührende emotionale Bedürfnisse zu befriedigen vermag (4).

Die sich auf Freud berufende Psychoanalytikerin Thea Bauriedl postuliert einen Zusammenhang zwischen der individuellen und der allgemein-politischen Dimension der Angst.

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