Sowas Linkes!

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28-04-21 03:32:00,

Vermutlich hat Sahra Wagenknecht Glück, dass sich ihre Partei aufgrund der anhaltenden Beschränkungen nicht zu einem Parteitag treffen kann. Das Risiko wäre groß, dass sie erneut mit einer Schokoladentorte beworfen würde. Im Mai 2016 ist ihr das widerfahren. Ihr braun gefärbtes Gesicht zierte manche Zeitung — und die besonders linken Vertreter der Linken freuten sich tierisch darüber.

Meines Wissens handelt es sich dabei um den einzigen Fall von Blackfacing, den diese Klientel nicht verurteilte.

Vorgeworfen hatte man der linken Galionsfigur einen Rechtsruck. Sie hatte es seinerzeit gewagt, die allgemeine Flüchtlingspolitik kritisch zu hinterfragen und die Willkommenskultur mit konkreten Einwänden zu tangieren. Neben der Torte musste sie den Vergleich mit Beatrix von Storch von der AfD über sich ergehen lassen. All das hätte sich jetzt, da Sahra Wagenknecht ein Buch zum Holzweg der Linken geschrieben hat, wiederholen können. Stattdessen muss sie nur einige Memes und Tweets aushalten, die ihren Parteiausschluss fordern. Speziell von einigen Ortverbänden des linken Kindergartens Solid vernahm man solche Töne.

Ganz neu ist es nicht, die identitätspolitische Fixierung der Linken zum Gegenstand eines Buches zu machen. Der Autor dieser Zeilen übte sich vor drei Jahren darin, „Rechts gewinnt, weil links versagt“ nannte er seine bescheidenen Ergüsse. Wenn Sahra Wagenknecht prognostiziert, dass die AfD sich zur Arbeiterpartei mausern könnte, dann tut sie es diesem Titel nach. Freilich benötigte die linke Frontfrau nicht mich, um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen. Das Standardwerk der Identitätskritik ist nämlich weitaus älter und stammt aus Frankreich.

Im Jahr 2009 veröffentlichte der Soziologe Didier Eribon seine autobiographisch inspirierte Sozialanalyse der französischen Linken. „Rückkehr nach Reims“ hieß sie: Aus dieser nordfranzösischen Stadt stammte der Autor. Als homosexueller und intellektuell interessierter Sohn einer Arbeiterfamilie setzte er sich früh nach Paris ab. Dort konnte er sich frei entfalten; in Reims fühlte er sich hingegen unverstanden, in den Strukturen des Arbeitermilieus gefangen. Bei jeder Heimkunft hatte er Bauchschmerzen, er hatte sich von seinen Leuten entfremdet. Man verstand sich gegenseitig nicht mehr, lebte in verschiedenen Welten.

Für den jungen Intellektuellen war die machohafte, ja teils rassistische Welt der kleinen Leute ein Graus. Im Laufe der Jahre verschwanden diese Affekte aus dem sozialistischen Milieu. Aber mit ihnen eben auch die zentrale Frage linker Politik: Die Verteilungsfrage — oder auch die soziale Frage genannt. Eribon erklärt, dass Mitglieder der kommunistischen Partei zwar durchaus rassistische Sätze fallenlassen konnten,

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