Was soll Satire?

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28-04-21 03:17:00,

Ein Mann, der die 50 überschritten hat, sollte sich einen Schminkspiegel anschaffen. Das sind diese runden Spiegel, heute meist mit einem Lichtkranz umgeben, in denen man das eigene Gesicht deutlich vergrößert sehen kann, viel detaillierter, als es der normale Spiegel im Bad oder im Flur kann. In diesem Spiegel entdeckt man diese fiesen Härchen, die in diesem Alter anfangen, aus Nase und Ohren zu wachsen, lange, bevor die Ehefrau oder gar andere Menschen sie entdecken können, und man kann sie herausreißen, lange bevor man sie auf den Fotos entdeckt, die Kinder und Enkel beim Familientreffen machen. Ein solcher Spiegel ist die Satire, oder sie könnte es sein, wenn man ihre Funktion nicht verkennen würde. So, wie viele meinen, diese runden Spiegel seien nur für eitle Menschen da, die sich unbedeutende Unreinheiten aus dem Gesicht entfernen wollen, so glauben viele auch, Satire sei nur ein Spiegel, der den eitlen Mächtigen vorgehalten werden müsse, damit die sich vor sich selbst erschrecken. Von Jörg Phil Friedrich.

Manche meinen gar, Satire sei gar kein Spiegel, Satire sei nur eine Art Lupe, mit der man auf andere schauen könnte, damit man deren Schwächen und Fehler besser erkennen könnte. Vielleicht, so meint man, würde Satire sogar nur zur Unterhaltung und damit zur Beruhigung des Volkes da sein. In dieser Vorstellung soll der Satiriker sich über die Mächtigen lustig machen, damit das gebeutelte Volk auch mal was zu lachen hat. In der modernen Demokratie, in der es, wie man hört, gar keine Mächtigen mehr gibt und schon gar kein gebeuteltes Volk, wäre die Satire dann fast so etwas wie die eigentliche Machtdemonstration, die denen, die regieren, zeigen soll, dass sie ständig dem Spott und dem Hohn der Regierten ausgesetzt sind. Aber all die wohlfeilen Merkel-und-Söder-Parodien, mit denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk uns am Sonntagmorgen unterhält, sind eigentlich keine Satire, sie simulieren eher Meinungsfreiheit als dass sie sie wirklich demonstrieren, denn sie spielen ja nur vor, dass wir alles sagen können, was wir wollen, denn unter dem Schutz des Nicht-Ernst-Meinens sagen sie eben gerade keine Meinung, schon gar nicht stellen sie Fragen, auf die jemand antworten müsste. Das Zerrbild, das sie produzieren, ist kein Spiegelbild, sondern eine Fälschung, über die sich die Betroffenen vielleicht ärgern, die sie aber auch gelassen ignorieren und heimlich sogar schätzen können, denn simulierte Meinungsäußerung erzeugt vielleicht das Gefühl, dass tatsächliche Meinungsäußerung nicht nötig wäre.

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