Frankreich lockert wieder – die letzte Möglichkeit das Gesicht zu wahren? | KenFM.de

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02-05-21 09:20:00,

Von Sean Henschel.

Wer in den letzten Wochen die deutsche Berichterstattung über Frankreich über sich ergehen ließ, kam wohl aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Berichterstattung reichte von schlecht gedrehten Dokumentationen (siehe „Die Pandemie-Polizei: Kontaktsperre-Kontrollen in Frankreich“) bis hin zu zahlreichen „Updates“ über die katastrophale Lage der wahnsinnig einschränkenden Maßnahmen in Frankreich. Die Ereignisse in Frankreich wurden der deutschen Öffentlichkeit wohlwollend als Gesellschaftskollaps verkauft. Leider ist das nur die halbe Wahrheit, besser ausgedrückt ein ziemlich verzerrtes Bild der Wirklichkeit vor Ort. Es ist zwar richtig, dass die bürgerlichen Freiheiten massiv eingeschränkt wurden und bis heute Ausgangssperren gelten. Was aber gerne verschwiegen wird oder möglicherweise auch nur unwissentlich nicht erwähnt wird, ist der tatsächliche Umgang der französischen Bevölkerung mit den in Kraft getretenen Regelungen.

Ja es gibt und gab strenge Regelungen in Frankreich und insbesondere in Paris. Eine Frage müsste aber hinzugefügt werden: halten sich die Franzosen auch tatsächlich alle immer daran? Antwort: es kommt drauf an.

Besonders hier werden die Mentalitätsunterschiede zwischen der deutschen und der französischen Gesellschaft deutlich. Man könnte es in pauschaler und plakativer Weise in einem Satz beschreiben. Wenn der Staat neue freiheitseinschränkende Maßnahmen erlässt fragt der eine wie, wann und wo man sie zu befolgen hat und der andere wie man sie umgehen kann. Es herrscht eine ganz andere Rechtskultur in beiden Ländern (siehe Begriff „Legal culture“).

Dies erklärt auch die fehlende Anwesenheit einer Hochkonjunktur von Besserwissern und Denunzianten, die bei jeder möglichen Gelegenheit ihre Bürgerpflicht wahrzunehmen versuchen und die Polizei oder das Gesundheitsamt bei Regelverstößen in vernünftiger Manier benachrichtigen.

In Deutschland wird dieses Denunziantentum teilweise kritisiert, verpönt, bis hin zum Fremdschämen verurteilt und als Wiederaufkeimen vergessener Preußischer Tugenden gewertet, ganz nach dem Sprichwort : „Preuße zu sein ist eine Ehre, aber kein Vergnügen“. Es bleibt aber doch anzuerkennen dass das offizielle „Melden“ von Regelverstößen, sei es auch nur die kleinste Bagatelle, in der deutschen Kultur seinen Platz an der „richtigen“ Stelle wohlgemerkt wiederfindet.

Wer kann von sich behauptet noch nie erlebt oder zumindest davon gehört zu haben, dass die Nachbarn die Polizei gerufen haben, weil bei einer Party zu laute Musik gespielt wurde oder weil die nicht vorher angemeldete Party wohl doch bis 4:00 morgens ging?

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