Dystopische Gespenster | Kai Ehlers

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03-05-21 03:41:00,

Auf der Tagesordnung des zurückliegenden Forums stand die Auseinandersetzung mit den dystopischen Gespenstern, die im Zuge des gegenwärtigen „Großen Umbruchs“ aus den Tiefen des letzten Jahrhunderts hochkommen: Aldous Huxleys, „Schöne neue Welt“ von 1933, George Orwells „1984“ aus dem Jahr 1949. In zahllosen Neuauflagen kommen die Visionen  dieser Autoren heute auf den Buchmarkt und ins Gespräch. Was kommt uns da entgegen? Unbewältigte Vergangenheit? Gegenwart? Zukunft?

Huxley beschreibt eine Welt, in der die Gesellschaft durch Zuchtwahl und Glücksdrogen in einer Art eugenischer Betäubung ohne Krankheit und materielle Probleme in einer konsumgesättigten Wohlfühllage gehalten wird. Orwell dagegen beschreibt eine Welt des Überwachungsterrors in einem vom Mangel gezeichneten Dauerkriegszustand.

Unterschiedlicher, scheint es, könnten die Bedingungen, von denen ausgegangen wird, kaum sein. Aber auf einer Achse treffen sich beide Beschreibungen: in der totalen Ausschaltung des Einzelwillens. Bei Huxley geschieht das durch vorgeburtliche Selektion, durch bio-technologische Konditionierung und obligaten Gebrauch von Glückshormonen, „Soma“. Bei Orwell geschieht es durch die allgegenwärtige Gedankenpolizei und deren offenen Terror.

Individuen, die dann trotz allem noch nicht „funktionieren“, werden hier wie dort, in Huxleys „Schöner neuer Welt“ wie auch in der von Orwells „Großem Bruder“, ohne rituelle Umstände und ohne weiteren Nachhall anonym beseitigt – ganz zu schweigen von denen, die außerhalb der etablierten, normgebenden Gesellschaft als ausgegrenzte Gruppe ins Reservat der Zurückgebliebenen verdrängt werden. Das ist bei Huxley nicht anders als bei Orwell.

Eine Perspektive, die aus dieser Situation hinausführen könnte, wird nicht benannt, weder bei Huxley noch bei Orwell. Bei Huxley endet der Versuch, die Spaltung zwischen der Neuen Welt und dem Reservat zu überwinden, in einem Dialog zwischen einem „Wilden“ des Reservats und einem „Controller“ des Systems. Der „Controller“ erklärt dem „Wilden“,  warum der „monatliche Adrenalinschub“ zur Erhaltung „vollkommener Gesundheit“ vom System zur Pflicht gemacht worden sei, nämlich, um das Leben „komfortabel“ zu machen. Als der „Wilde“ erklärt, er verzichte auf Komfort, entwickelt sich folgender Dialog:

„Kurzum“, bemerkte Mustafa Mond, „Sie fordern das Recht unglücklich zu sein.“

„Also gut“, bejahte der Wilde trotzig, „dann fordere ich eben das Recht, unglücklich zu sein.“

„Ganz zu schweigen von dem Recht zu altern, (fährt Wilde fort – ke), hässlich und impotent zu werden, dem Recht auf Syphilis und Krebs, dem Recht, zu wenig zu essen zu haben, dem Recht, verlaust zu sein,

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