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05-05-21 08:27:00,

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Das Bündnis Klinikrettung schlägt Alarm, immer mehr Krankenhäuser werden in die Verschuldung getrieben und geschlossen
von Bernd Hontschik

Jedes zehnte Krankenhaus steht kurz vor der Insolvenz, warnt der Bundesrechnungshof. Vier von zehn Krankenhäusern würden rote Zahlen schreiben. Ja, sehr viele Krankenhäuser sind krank. Diese Epidemie wütet inzwischen im ganzen Land.

Gab es 1980 noch 3783 Krankenhäuser mit 879605 Betten in Deutschland, sind es heute knapp 2000 mit etwa 500000 Betten. Die Liegezeit hat sich auf eine Woche halbiert, mehr als 60000 Stellen im Pflegebereich wurden gestrichen. Wie kam es zu diesem Kahlschlag?
Deutschland hat ein duales Krankenhausfinanzierungssystem, die finanziellen Mittel stammen aus zwei Quellen. Für den Bau, den Unterhalt und Investitionen sind die Bundeslän­der zuständig. Die laufenden Kosten für Personal und Material tragen die Krankenkassen. Beide Säulen der Krankenhausfinanzierung werden seit Jahren auf groteske Weise vernachlässigt und untergraben, sodass ein Zerstörungsprozess in der Krankenhauslandschaft die zwangsläufige Folge ist.

Halb soviel Investitionen, viermal soviel Schulden
Die Bundesländer demontieren die erste Finanzierungssäule. Während die Inflationsentwicklung von 2000 bis 2020 eine Investitionsstei­gerung von mehr als einem Drittel verlangen würde, ist die Investitionsfinanzierung durch die öffentliche Hand massiv rückläufig: Sie hat sich in den letzten zwanzig Jahren hal­biert!
Was können die Krankenhäuser in diesem Überlebenskampf ma­chen? Sie müssen die fehlenden Investitionen aus sich selbst heraus leisten, sie müssen Kredite aufneh­men. Die Bilanzbelastung der Kran­kenhäuser durch Schuldendienste hat sich dadurch in den letzten zwanzig Jahren vervierfacht. Das ist der direkte Weg in die Insolvenz.
Zeitgleich, etwa um die Jahrhundertwende, fand in der zweiten Finanzierungssäule eine zunächst kaum beachtete Reform statt. Bis dahin finanzierten sich Kranken­häuser über Kostenerstattung: Für jeden Tag Liegezeit erhielt das Krankenhaus eine bestimmte Pauschale, den Tagessatz. Der Gesetzgeber löste dieses zeitorientierte System zwischen 1999 und 2002 schrittweise durch die diagnosebezogenen Fallpauschalen ab, die Diagnosis Related Groups (DRG).
Von da an wurden die Krankenhäuser nach der Zahl und Schwere der behandelten Fälle bezahlt. Liegezeitverkürzung und Fallzahlerhöhung waren die Folge, um im gleichen Zeitraum ma­ximal viele Fälle und maximal schwere Diagnosen abrechnen zu können.
Die Zahl der Patient:innen stieg trotz massiver Stellenstreichungen um ein Fünftel. Gleichzeitig verstärkte sich der Arbeitsdruck.

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