Die Erfolgsleere

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06-05-21 01:35:00,

Was tun? Wie komme ich ins Handeln? Immer wieder kreisen meine Gedanken um diese Fragen, und innere Urteile über mein „sinnloses Grübeln“ prasseln auf mein Gemüt wie Hagelkörner. Also flüchte ich mich in Bücher, in die Grübeleien anderer, und übertöne meine eigenen Gedanken damit. Eine Wohltat.

„Warum geschieht in der Welt so vieles, das die einzelnen Menschen je für sich verabscheuen und bedauern?“ Der erste Satz aus „Erfolgsleere — Philosophie für die Arbeitswelt“ von Michael Andrick ist ein Volltreffer. Aufatmen. Soll ein anderer meinen Kopf für eine Weile mit sinnvollen Informationen füllen.

„Am Anfang steht Verwunderung über mich selbst und über uns. In der industrialisierten Welt führen wir heute ein Alltagsleben, das auf der Entrechtung und körperlichen Ausbeutung von Menschen (als ‚Human Resources‘) und auf der planmäßigen Zerstörung des Ökosystems beruht.

Wir zahlen Spottpreise für die Spielzeuge unseres Konsumzeitvertreibs und für die Kellner- und Laufburschenstaffage unserer Pauschalurlaube an den Küsten der Ozeane und an den Trögen der Frühstücksbuffets. Die Rechnung für unsere immense ‚Kaufkraft‘ wird an den verlängerten Werkbänken der westlichen Staaten, im ‚Globalen Süden‘ der Ausgebeuteten, für uns beglichen — nicht in Geld, sondern in menschlichem Leid, in Perspektivlosigkeit und Verzweiflung“ (Seite 11).

Ein dumpfes Seufzen entgleitet meinen geschlossenen Lippen. Ich brauche eine kurze Pause. Die weitere Lektüre gestaltet sich zäh. Philosophische Ausführungen über Moralität und Anpassung, die Ordnung des Ansehens folgen in einer Sprache, die ich immer wieder neu lesen muss, um zu verstehen. Ständig schweifen meine Gedanken vom Gelesenen weg. Ich schließe das Buch und lasse es liegen. Zu anstrengend.

Emilie kommt zum Kaffee, und wir philosophieren über die Welt, tauschen uns über Bücher aus, die wir lesen, und ich erzähle ihr von meinem Dilemma mit „Erfolgsleere“. Im Gespräch mit ihr beschließe ich, mir die Erlaubnis zu geben, es nicht weiterzulesen. Erleichterung.

Am Abend nehme ich es doch wieder zur Hand. Will es nur noch einmal kurz durchblättern, denn der Inhalt ist so vielversprechend, und ich will doch die Welt verstehen. Also setze ich noch einmal an und glaube kaum, was ich lese:

„Es wäre also überhaupt nicht verwunderlich, sollte die philosophisch Schritt für Schritt ‚reformierte‘ Sprache dieses Buchs Anstoß erregen und Ablehnung provozieren“ (Seite 75).

Ich fühle mich verstanden und motiviert. Also lese ich doch weiter,

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