Kolumbien – Mit Toten und Vermissten verlagert sich Polizei- und Militär-Gewalt vom „Guerilla-Krieg“ in die soziale Rebellion der Städte

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11-05-21 01:24:00,

Kolumbien sorgt wieder für weltweite Schlagzeilen und Empörung über die skrupellose Gewaltanwendung der Sicherheitskräfte. Ein Bericht von unserem Südamerika-Korrespondenten Frederico Füllgraf.

Die seit Ende April anhaltenden Protestmärsche setzen die im Dezember 2019 entfesselten und von den NachDenkSeiten verfolgten Sozialproteste fort. Für die Dauer von knapp eineinhalb Jahren schien der kolumbianische Aufstand „beruhigt“, doch es war ein trügerischer Eindruck. Allem Anschein nach fehlte ihm nicht etwa der Zulauf, sondern der Volkszorn war vom „social distancing“ der Covid-Pandemie eingedämmt. Kalkuliert versuchte die Regierung Iván Duque die pandemiebedingten Mobilitäts-Einschränkungen zu einem neuen Anlauf für die Verabschiedung des dritten Teils ihres Ende 2019 angekündigten, jedoch wegen der damaligen Proteste und Justizklagen ausgesetzten Steuerreform-Pakets zu nutzen. Duque kalkulierte aber schlecht und erntete inmitten der grassierenden Pandemie einen neuen Proteststurm, den die konservative und erratische Duque-Administration auch nicht mit extremer Polizeigewalt unter Kontrolle bringt.

Elf Tage nach den fortgesetzten Mobilisierungen und brutalen Polizeieinsätzen – die nach Bestätigungen der Staatsanwaltschaft mindestens 27 Tote und mehr als 350 Vermisste forderten – führen vor allem Jugendliche und Frauen die öffentlichen Straßenproteste fort, die durch mutige Mahnwachen bei Kerzenlicht, künstlerische und kulturelle Darbietungen umrandet werden. Das weltweit bekannte, selbst von dem russisch-deutschen Pianisten Igor Levit bedächtig interpretierte musikalische Titelthema der Ära Salvador Allende – „El Pueblo Unido“ – ertönte auf offener Straße in Medellín mit einem bewegenden und von den Menschenmassen begleiteten Auftritt des örtlichen philharmonischen Orchesters, dirigiert von der jungen Susana Boreal. Die Darbietung verdiente den Ehrentitel „Ode an die Zivilcourage“, fand sie doch statt in der als Hochburg der Drogenmafia verschrienen, doch nun auch als Zentrum der Polizeigewalt – unter anderem mit Unterwanderung der Proteste durch als Zivilisten verkleidete und auf Demonstranten schießende Polizisten der ESMAD-Todesschwadron – angeprangerten, drittgrößten Stadt Kolumbiens.

Die kalten Zahlen der Tragödie

Die jüngsten Erhebungen der Nationalen Verwaltungsabteilung für Statistik signalisieren allerdings, dass die geplante Steuerreform und die Proteste dagegen gerade mal die Spitze eines Eisberges erkennen lassen, dessen eigentliche Masse als Tragödie unter der Oberfläche der jüngeren Geschichte Kolumbiens treibt. Mit 21 Millionen Menschen erfasst die Armut gegenwärtig 42 Prozent der Bevölkerung. Die Zahl der Vertriebenen, die 2016 bereits die unvorstellbare Zahl von 7,2 Millionen erreichte, ist unter der Regierung Duque auf nahezu 8 Millionen angestiegen. Im gleichen Zeitraum wurden 900 Führungspersönlichkeiten der sozialen Bewegungen und mindestens 270 unbewaffnete Ex-Guerillakämpfer der FARC systematisch gejagt und hingerichtet;

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