Die Lach- und Spießgesellschaft

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12-05-21 12:28:00,

Wer hat da gelacht? Lachen darf momentan nicht sein. Wer die kurzen Filmchen von Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur und Kollegen mit einem befreienden Lachen quittierte, hat sich der schlimmsten Tat schuldig gemacht, die diese pandemische Zeit derzeit kennt: Des Lachens — des Humors.

Der ist nämlich nicht Befreiung, Ventil oder Strategie zur Steigerung der Resilienz: Der gilt nun als gemeingefährlich, als egoistisch und rechtsoffen. Ja, wirklich: Rechtsoffen! Das weiß man doch: Dort wo gelacht wird, da sitzen Neonazis. Witzige Burschen in Springerstiefel sind das. Was, Sie lachen über den Zynismus, den Sie hier zwischen meinen Zeilen vermuten? Okay, aber bitte nicht zu laut, machen sie es heimlich.

Haben Sie einen Keller? Gehen Sie dorthin, lachen Sie dort. Das ist im Augenblick sicherer.

Satire darf alles. Darauf verständigte sich die deutsche Öffentlichkeit vor einigen Jahren, als ZDF-Moderator Jan Böhmermann ein Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan rezitierte. Einen Ziegenficker nannte ihn der Hobbypoet damals. Aber das sei, so argumentierte man, nicht weniger als Meinungsfreiheit. Erdoğan müsse das aushalten können. Dafür änderte man sogar ein Gesetz, ab da wurde es möglich, die Staatsoberhäupter anderer Länder auch mal satirisch beleidigen zu dürfen.

Derselbe Böhmermann belehrte kürzlich aber alle, die die Clips der Schauspielerinnen und Schauspieler guckten, die sich zynisch mit dem Corona-Kurs der Bundesregierung auseinandersetzten. In Zeiten wie diesen sollte man nur bestimmte Filme gucken — und empfahl just eine Dokumentation zur Lage auf der Intensivstation der Berliner Charité.

Der Mann vom ZDF, der jetzt zum Lachen in den Keller geht, dorthin wo er seine satirischen Leichen versteckt hält, hat offenbar gar kein Problem mit der Doppelmoral: Als Koryphäe des Metiers weiß er schließlich, was Satire ist und was sie darf. Nämlich alles — außer das, was sie gerade nicht dürfen können soll.

So zu tun, als würde man jemanden Ziegenficker nennen, dann aber erklären, man tue es eigentlich nicht, der also im Konjunktiv eine Beleidigung in Aussicht stellt — diese Böhmermannsche Masche ist also als satirisch zu bewerten. Die zynische Auseinandersetzung mit einer Seuchenschutzpolitik, die mittlerweile selbst jede fachwissenschaftliche Angemessenheit vermissen lässt, kann jedoch nicht geduldet werden.

Schnell hatte der Shitstorm der Humorlosen auch einen Grund für die Spaßbefreiung parat: Weil #allesdichtmachen sich über Mediziner und Pflegende lustig mache. Der Zynismus sei wie ein Messerstich ins Herz dieser aufopferungsbereiten Menschen.

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