Der ganz normale Wahnsinn

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13-05-21 11:34:00,

Adriana Sprenger: Herr Dr. Maaz, Sie haben auch andere Regierungsformen, fernab der Demokratie, erlebt. Zu DDR-Zeiten war bekannt und Konsens, dass durch verschiedene Medien Propaganda verbreitet wurde und keine freie Meinungsäußerung existiert hatte. Stellt man in der heutigen Zeit die Unbefangenheit der Medien infrage, erntet man oft Unverständnis und wird damit konfrontiert, dass es doch woanders viel schlimmer wäre und wir doch froh sein können, in solch freien Verhältnissen leben zu dürfen. Wie bewerten Sie die Entwicklung der Demokratie aufgrund Ihrer Historie und was bedeutet Demokratie für Sie persönlich?

Hans-Joachim Maaz: Ein Absturz, vielleicht sogar das Ende der Demokratie. Für mich ist es deshalb so bedenklich, weil ich schon seit Langem unterscheide zwischen einer äußeren und einer innerseelischen Demokratie.

Äußere Demokratie ist das, was wir hatten, also parlamentarische Demokratie mit unterschiedlichen Parteien, wobei schon auffiel, dass auch da schon immer Spaltungstendenzen bestehen. Jede Partei geht davon aus: nur wir gut und richtig — alle anderen schlecht und falsch. Ein solcher ausgrenzender und spaltender Meinungskampf ist nur solange noch demokratisch, solange tatsächlich eine plurale Meinungsfreiheit garantiert und geschützt ist. Seit einiger Zeit müssen wir leider feststellen, dass eine ideologisierte und moralisierende politische Korrektheit die Meinungsfreiheit erheblich einschränken.

Führende Politiker sagen dann zynisch: man könnte doch alles sagen, müsse nur auch die Konsequenzen ertragen. Wenn es dabei dann aber um Diffamierung, Ausgrenzung, Existenzbedrohung geht, gibt es keine Meinungsfreiheit mehr.

Ein solcher Verlust an Demokratie signalisiert den Mangel an innerseelischer demokratischer Kompetenz. Als Psychotherapeut weiß ich, dass jeder Mensch eine, wie ich es nenne, Privatlogik entwickelt. Die durch einseitige, falsche oder schlechte Erziehung erlittene Selbstentfremdung wird dann mit einer subjektiven „Weltsicht“ aller Dinge kaschiert und durch Anbindung an eine Gruppenmeinung kompensiert.

Der Mensch kommt so lange ganz gut zurecht, solange er mit seiner Eigenart und seiner Gestörtheit in einem Ensemble der verschiedensten Privatlogiken ist, die sich gegenseitig ergänzen und korrigieren. Wenn das jedoch nicht mehr der Fall ist, wenn die Gesellschaft zum Beispiel in eine Krise kommt, die Pluralität und die Meinungsfreiheit eingeengt werden, dann versagt das Demokratiespiel der äußeren Kräfte, da sie sich nicht mehr ausreichend relativieren und wechselseitig infrage stellen können. Dann ist eine innerseelische Demokratie als Kompetenz gefordert, die subjektive Privatlogik infrage zu stellen, erlittene Entfremdung mit Manipulation des Verhaltens zu erkennen und überwinden zu lernen. Dann ist man nicht mehr abhängig von einer Gruppen-Ideologie oder Mainstream.

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