Perspektivwechsel als Voraussetzung für Friedensfähigkeit – Das Verhältnis des Westens zu Russland

perspektivwechsel-als-voraussetzung-fur-friedensfahigkeit-–-das-verhaltnis-des-westens-zu-russland

17-05-21 06:35:00,

In der letzten Woche wies NachDenkSeiten-Herausgeber Albrecht Müller darauf hin, wie weitverbreitet und dabei falsch die Erzählung ist, Russland und die USA seien in gleichem Maße für die Spannungen im Ost-West-Verhältnis verantwortlich. Wer diese Erzählung verbreitet, vergisst dabei nicht nur, wie vor allem USA und NATO ihre Versprechen gegenüber Russland gebrochen haben, sondern hat auch Lehren aus der erfolgreichen Ostpolitik der Bundesregierung unter Willy Brandt nicht verstanden. Der Gründer des ost-west-forums, Axel Schmidt-Gödelitz, zeichnet für die NachDenkSeiten in einem lesenswerten Essay die geschichtliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte nach und widerlegt dabei die falschen Erzählungen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Podcast: Play in new window | Download

Die Entspannungspolitik nach der Kuba-Krise

Nach der Kuba-Krise, die die beiden Weltmächte USA und Sowjetunion an den Rand eines neuerlichen Weltkrieges brachten, trat kurzfristig Vernunft ein: Beide Seiten erkannten, dass die Rüstungsanstrengungen zu einem „Gleichgewicht des Schreckens“ geführt hatten. Eine Phase der Entspannungspolitik trat ein, ein rotes Telefon zwischen den Präsidenten beider Weltmächte wurde installiert und zahlreiche Verträge sicherten diese Entspannungspolitik auf höchster Ebene ab.

In der Bundesrepublik Deutschland wurde mit der neuen Bundesregierung Brandt-Scheel ebenfalls eine neue Ostpolitik unter dem Schlagwort „Wandel durch Annäherung“ auf den Weg gebracht. Es war vor allem der außenpolitische Berater Brandts, Egon Bahr, der das entsprechende Strategiepapier erarbeitete und schließlich in monatelangen Verhandlungen mit Moskau, dann mit Polen und schließlich mit der DDR umsetzte. In seinem engeren Beraterkreis wiederholte er immer wieder seinen Leitgedanken: Verhandlungen zwischen Staaten basieren auf Vertrauen. Und das bedeutet: Die Interessen des jeweiligen Partners, dessen emotionale Lage – vor allem seine Ängste – und schließlich die Vorgeschichte des Landes in den Verhandlungen zu berücksichtigen. Nur auf dieser Basis ist ein tragfähiger Kompromiss möglich. Kurz und bündig: Wer dazu nicht fähig ist, ist nicht friedensfähig.

In seinen Verhandlungen mit Moskau – von Washington mitgetragen – hat Bahr diese Erkenntnis in die Praxis umgesetzt. Ihm war klar, dass der Kreis von sowjetisch besetzten Satelliten-Staaten nicht nur imperialer Machtpolitik entsprang, sondern auch mit den Einkreisungsängsten der Russen zu tun hat. Hitler und Napoleon sind tief im kollektiven Gedächtnis der Russen verankert. Dass die mit den USA verbündete und von ihr militärisch beschützte Bundesrepublik die bestehenden Grenzen Europas nunmehr erstmals anerkannte – mit dem Zusatz,

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: