Mut zur Rundung

mut-zur-rundung

20-05-21 09:36:00,

Das Leben ist eine Linie. So wird es uns präsentiert. Wir werden geboren, zurechtgezogen, amüsieren uns, treten in die Arbeitswelt ein, gründen eine Familie oder zwei, bekommen, wenn wir Glück haben, Rente und sterben, wenn wir Pech haben, in einer Alterseinrichtung, in der uns niemand besuchen darf. Nach A folgt B folgt C. So haben wir es gelernt. Hierauf können wir uns verlassen. Hier wird uns nicht plötzlich ein X oder ein U dazwischenfunken, wenn es nicht an der Reihe ist.

Auch in unserer biologischen Entwicklung geht es linear zu. Obwohl beim genaueren Hinsehen die Linie verschlungen ist und bisher niemand die Lücken unserer Evolutionsgeschichte füllen konnte, sieht es auf unseren Lehrtafeln so aus, als würden wir uns in regelmäßigen Abständen ordentlich aufrichten: Australopithecus, Homo habilis, Homo erectus, Homo sapiens. Entsprechend glauben wir auch an den Fortschritt. Früher waren wir Affen: primitiv, schmutzig, ungeschickt, blutrünstig, abergläubisch, dumm. Heute sind wir Menschen: zivilisiert, sauber, vernünftig, intelligent. Nur das mit dem friedlichen Zusammenleben klappt noch nicht so gut. Doch unser Fortschritt wird schon bringen, was wir brauchen. Die Maschine wird es richten. Darauf wollen wir uns verlassen.

Immer weiter geht es geradeaus, immer höher hinaus. Immer breiter werden die Autobahnen. Abfahrten gibt es nur an bestimmten Punkten und Raststätten, dort, wo multinationale Unternehmen etwas zu verkaufen haben. Wehe dem, der den Verkehr behindert! Wollen wir denn den Fortschritt bremsen und Arbeitsplätze gefährden? Immer schneller geht es auf das Ziel zu: Wohlstand! Vergnügen! Sicherheit! Immer weiter rasen wir in unseren Blasen durch den Informationsdschungel, dorthin, wo es am grellsten blinkt und am lautesten verkündet.

Während das Gestrüpp der Gesetze, Bestimmungen, Dekrete und Verordnungen immer verworrener und undurchdringlicher wird und in unseren Köpfen immer mehr Chaos entsteht, geht der Trend in Richtung Einfalt. Nicht nur in unserem „zweiten Gehirn“, unserem Darm, quillt buchstäblich ein grauer Einheitsbrei, der uns immer empfindlicher für Krankheiten macht. Auch in unserem ersten Hirn ist die bunte Vielfalt längst durch farblose Einheitsmeinung ersetzt worden.

In allen Lebensbereichen treiben wir es auf die Spitze: der größte Star, der beste Fußballer, der seriöseste Wissenschaftler, der einzige Virologe. Wo wir auch hinblicken: Allerorten huldigen wir der geraden Linie und dem rechten Winkel. Das spiegelt sich auch in unseren Gebäuden wider. Zwar gibt es seit der Wende zum 20. Jahrhundert verschiedene Ansätze für eine organische Architektur,

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: