Rückgrat lohnt sich!

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20-05-21 09:36:00,

Seit ich denken kann, war ich ein politischer Mensch. Meine Politisierung war das Ergebnis meiner Jugend und kann als direkte Reaktion auf mein Umfeld angesehen werden. So wie der Sohn eines Bergführers, quasi nebenher, alles über Berge, wie man sie besteigt und wann sie gefährlich werden können, lernt, ohne dies als Unterricht in Bergsteigen zu empfinden, habe ich gelernt, einen Blick für das zu entwickeln, was man unfaire Verhältnisse oder Klassenunterschiede nennt. Meiner späteren Ausbildung als Journalist ging eine deutlich längere Ausbildung in Straßen-Soziologie voraus.

Ich habe immer beobachtet und dabei die Fähigkeit entwickelt, mich wie ein Chamäleon den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten anzupassen. Ich fiel nie als Fremdkörper auf, sah mich aber auch nie als Teil einer bestimmten Gruppe. Der treffendste Begriff könnte lauten: „Human-Inventar“. Ich war wie ein Gegenstand, in dessen Umgebung die Leute vergaßen, dass ihnen ein Mensch, der nicht wirklich dazugehörte, zuhörte.

So konnte ich meine ganze Jugend lang Personen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und in den unterschiedlichsten Positionen aus nächster Nähe beobachten, ohne dass diese sich beobachtet fühlten. Sie gaben sich, wie Politiker sich geben, nachdem man ihnen gesagte hatte, dass Kameras und Mikrofone jetzt ausgeschaltet seien, dass das Interview beendet sei.

„Die gewählt werden, haben nichts zu sagen und die etwas zu sagen haben, wurden nicht gewählt.“ Dieser Satz des Politikers Horst Seehofer wurde beim ZDF aufgezeichnet, nachdem die eigentliche Sendung schon im Kasten war.

Seehofer hatte nach dem Interview nicht nur eine völlig andere Sprache, sein Duktus war auch vollkommen frei von künstlicher Wichtigkeit und der Inhalt war frei von politischer Taktik und Um-den-heißen-Brei-reden.

Den größten Teil meiner vor-journalistischen Laufbahn erlebte ich — im übertragenen Sinne — einen Seehofer-Moment nach dem anderen. Sie alle hatten etwas gemeinsam. Menschen, die sich unbeobachtet wähnen, zeigen ihr wahres Gesicht, ihre tatsächliche Einstellung und offenbaren dabei stets ihr Menschenbild. Der größte Teil der Menschen, die ich später als Reporter erlebte, öffentliche Personen, Personen mit einer gesellschaftlichen Stellung, sind, wenn sie Off-the-Record sprechen, von einem selbstherrlichen Klassenbewusstsein durchdrungen. Sie urteilen am häufigsten aus einer höheren Position, die sie sich selber zugewiesen haben. Sie beurteilen und urteilen über Dritte von oben herab.

Rassismus, Dünkel und gelebte Arroganz sind die Hauptwerkzeuge dieser Menschen. Man wähnt sich als auserwählt und spricht Menschen, die nicht der eigenen Kaste angehören, offen das ab,

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