Wir sind mächtig!

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22-05-21 07:28:00,

Ich verdanke meine Politisierung nicht einer faktenbasierten Klassenanalyse oder dem Studium von Geschichtsbüchern — das kam später —, sondern vier Ereignissen, die mich in jungen Jahren so tief erschreckt haben, dass ich den Schluss zog, mich fortan einzumischen. Es war der gewaltsame Tod von vier Menschen.

Der erste passierte im November 1963. Ich war neun Jahre alt und saß unter dem Wohnzimmertisch, als die Tagesschau die Schüsse auf John F. Kennedy meldete. Mein Vater, Berufsoffizier und treuer CDU-Wähler, rief entsetzt: „Diese Verbrecher!“.

Ich wusste nicht genau, wen er damit meinte, aber sicher keinen verwirrten Einzeltäter, sondern dunkle Mächte, die einem gewählten Präsidenten auf offener Straße ins Gesicht schießen. Schießen dürfen — denn diesen Mächten ist ja nichts passiert.

Im Oktober 1967 erschoss bolivianisches Militär Che Guevara, in Kooperation mit der CIA, also wieder dunkle Mächte. Ich war schon 13, mitten in der Pubertät und dieser Mann mit Baskenmütze und revolutionärem Blick sah so verdammt gut aus. Was er mit „schafft viele Vietnams“ genau meinte, war mir nicht klar.

Für meinen Vater verteidigten „die Amerikaner“ in Vietnam unsere Freiheit. Aber wie, fragte ich mich, konnte ein kleines, unterentwickeltes Volk am anderen Ende der Welt unsere Freiheit bedrohen? CIA und Pentagon waren für mich die „Bösen“, und Che hatte die Herzen einer ganzen Generation entfacht. Nun wurde er im bolivianischen Urwald wie eine Trophäe ausgestellt. Er war kein Opfer, sondern war in die Falle geraten. Er war einer der „Guten“. Umgehend hängte ich ein Che-Poster über mein Teenager-Bett, was zum Familienfrieden nicht gerade beitrug.

Dann kam der 11. September 1973. In Chile wurde Salvador Allende aus dem Amt geputscht, Leute wurden verschleppt, gefoltert, erschossen. Ich war damals 19, wohnte in einer Wohngemeinschaft in Bonn. Das Experiment eines demokratischen Sozialismus wurde blutig erstickt, und es ging wieder nur um Machtinteressen. Allende wollte keine Waffen an die Arbeiter verteilen. Nüchtern betrachtet war das vielleicht ein Fehler, aber er wollte ein Blutvergießen vermeiden.

Auch das vierte Ereignis geschah im Herbst, im November 1974. Im Gefängnis starb das RAF-Mitglied Holger Meins an den Folgen seines Hungerstreiks. Es war weder Sympathie mit der RAF oder Mitleid mit einem Gefangenen, der unmenschlichen Haftbedingungen ausgesetzt war. Es war das Foto. Es zeigte einen ausgemergelten Menschen, er wog nur noch 39 Kilo, man hatte ihn regelrecht verhungern lassen.

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