Die Inspiration

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27-05-21 07:53:00,

Die Aussicht von meinem neuen Balkon aus ist unglaublich. Ich döse in der Sonne und genieße den Blick auf die Dorfkirche und die hinter den Ziegeldächern thronenden Berge und Felswände von Alaró. Bedrückende Melancholie liegt auf mir. Mein Gehirn gibt einfach keine Ruhe. Immer wieder diese bedrängenden Fragen nach dem Sinn. Nach dem, was das Leben lebenswert macht. Was wir hier als Menschheit veranstalten. Was ich in diesem absurden Theater soll.

Malen hilft. Schreiben auch. Zu beidem habe ich aber gerade keine Lust. Ich fühle mich schlapp und müde. Also greife ich zur Autobiografie von Kerstin Chavent, die ich schon seit Ewigkeiten lesen möchte: „Was wachsen will, muss Schalen abwerfen“. Ihre Biografie beginnt sie mit einem Erlebnis in Südfrankreich, wo sie mitten in der Natur einer unbekannten Frau begegnet und ihre Geschichte erzählt.

Meine Müdigkeit verfliegt und ich gehe mit Kerstin auf Reisen in ihre Vergangenheit. Alfred Hitchcock soll gesagt haben: „Das Drama ist ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente herausgeschnitten hat.“ Im Fall meiner Kollegin und Freundin Kerstin Chavent scheint es eher so, dass ihr Leben eine Aneinanderreihung vieler Dramen ist, von denen sie sich jedoch nie hat bremsen lassen. Im Gegenteil. Sie suchte das Drama förmlich, glaubte an die große Liebe wie im Film — immer wieder — und sagte nach jeder Verletzung erneut Ja zum Leben.

Auf nicht einmal einhundert Seiten fasst sie ihre Lebenserfahrungen lebendig und rührend aufrichtig zusammen. Während ich ihre Zeilen lese, lösen sich meine Fragen nach dem Sinn in Luft auf, und ich fühle, was sie dort beschreibt ist das Leben.

Kerstin lebt vor, was es heißt, mutig seinem Herzen zu folgen, und auch die Verantwortung für die Enttäuschungen zu übernehmen, die sie immer wieder erlebte.

Sie zeigt, dass es nie falsch sein kann, da sie wirklich lebte, anstatt sich direkt, ohne über Los zu gehen, in die unlebendige Sicherheit eines mittelmäßigen Lebens einsperren zu lassen.

Ich identifiziere mich mit ihren Ängsten davor, zu einem lebenden Toten zu werden. Zu einem Menschen, der „das falsche Leben“ lebt, wie Hans-Joachim Maaz es in seinem gleichnamigen Buch beschreibt. Woher wissen wir, ob wir das falsche Leben leben? Falsch meint hier „fake“, unecht.

Immer wieder zog es Kerstin ins Ausland — nach Spanien,

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