Die Gewohnheitsirren

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29-05-21 12:34:00,

„Voll normaaal!“ Was haben wir nicht alle in den 90er-Jahren über Tom Gerhardt gelacht (Gedächtnisstütze: „Killerdackel“, Wollmütze, Aussprache wie mit einem Kartoffelkloß im Hals). Für uns war das in der Schule oder im Club der Running Gag: Je abartiger eine Situation, umso steiler die Vorlage für einen von uns, „Tja – normaaal“ ausrufen zu können. Wenn einer betrunken in der Ecke lag oder wenn ein Schulkamerad seinen behäbigen Ford Granada aus den 80er-Jahren mit Schreckschusspistole in der Hand über Blumenrabatten oder Treppenstufen hinunter jagte: „Normaaal!“ Irgendwie fragte ich mich klammheimlich aber dann doch, ob das noch normal sei.

In der Tat keimte bei mir schon damals gelegentlich ein Unverständnis über unsere Fähigkeit auf, das, was als normal galt, zu akzeptieren und gar anzustreben. „Zurück zur Normalität“ war auch damals schon ein geläufiger Begriff. Es musste wohl so sein, dass wir — um die zwanzig Jahre alt — mit Beats und Bier Spaß im Club hatten, unabhängig davon, ob drei Stunden zuvor in den 20-Uhr-Nachrichten der nächste Selbstmordanschlag präsentiert worden war oder der nächste gesunkene Öltanker mit verheerenden ökologischen Folgen gerade auslief. Etwas in meinem Hinterkopf meldete sich mit Dingen wie „Jeder Einzelne dieser ausgelassen tanzenden Meute auf dem Dancefloor wird doch heute die Katastrophenmeldung gehört haben, oder?“ Solche Gedanken hielten nicht lange an; irgendjemand schmiss die nächste Runde, und schon war ich wieder im wahrsten Sinne des Wortes bei den Leuten. Normal. Prost!

Die Griechen verstanden, laut einigen Wörterbüchern, unter normal etwas anderes, nämlich gesund oder Natur (φύσις): Das Normale ist das Naturgemäße (τὰ κατὰ φύσιν). Vor allem in den Hippokratischen Schriften wird darunter beispielsweise der gesunde Zustand des Körpers und damit ein Idealzustand verstanden, den es aufrechtzuerhalten beziehungsweise gegebenenfalls mit ärztlicher Therapie wiederherzustellen galt (1). Es ist die natürliche und übliche Beschaffenheit des Lebens. Diese Normalität war offensichtlich der Standard. Der Lebensstandard. Sieht man sich den Altersdurchschnitt und den Gesundheitszustand der meisten Griechen an, scheint das heute wohl auch noch so zu sein.

Auf der weiteren Spurensuche nach dem Begriff Normalität trifft man unweigerlich auf die soziologische Definition: „das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss.“ Wie wahr, wenn wir an die Wortbedeutung im griechischen Sinne denken: Über einen selbstverständlichen, gesunden Zustand muss nicht mehr nachgedacht und entschieden werden. In der Soziologie sind mit diesem Selbstverständlichen jedoch „soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen“ gemeint,

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