Die Quertänzer

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29-05-21 12:26:00,

„Das Leben ist unerträglich, wenn Du nicht schreibst“
(Martin Walser, Radiogespräch, 2021).

… und noch unerträglicher, wenn Du nicht tanzt.

Ja, tanzen wir immer weiter — une hymne à la vie, wie „Danser encore“. Wir haben ja auch nie aufgehört zu atmen, zu trinken, zu essen und zu lieben. Allerdings sind Ort, Anlaß und Weise nun anders. Jetzt muß es nach außen den Anschein geben, wir tanzten jeder für sich, umgeben von unsichtbaren plexiglasigen Gitterstäben, die die Viren, das Leben und den Verstand einhegen sollen: VLV. Und doch schlüpfen sie durch und breiten sich aus.

Wir sind als die Übriggebliebenen nach bald einem halben Jahrhundert Tanzerfahrung erst recht innerlich verbunden mit allen anderen Tanzenden gegen den Wahn der Separierung und Disziplinierung unter falscher Vorspiegelung einer Seuche und vorgeblicher Gesundheitsfürsorge. Das wahre Menschsein scheint in den EU-Ländern bereits bei den Vielen durch Gehirnwäsche abhanden gekommen zu sein, die in ihrer irrationalen Angst maskiert seelisch zu ersticken drohen und ihren Frust als Haß auf Sündenböcke leiten.

Die Orte, wo früher Tanz trainiert wurde, sind jetzt fast verwaist. Kein Ballettunterricht mehr, nicht für Kinder, nicht für Erwachsene. Anderer Tanzunterricht ist auch blockiert: Da stehen meine Frau und ich nun wöchentlich in der Ballettschule vor den Stangen — es sind immer noch dieselben wie Mitte der Achtzigerjahre, an denen wir selber unser Exercice einmal wöchentlich mit anderen absolvierten, nur die Zeiten sind jetzt andere. Und die anderen fehlen in den Spiegeln, wobei die Mehrheit für gemeinsamen Tanz wohl endgültig verloren zu sein scheint: rapide gealtert und verhärmt, völlig unfit und verängstigt. Was aber ist Tanz ohne Unbekümmertheit und erst recht Folkloretanz ohne Gemeinschaft? Wohin seid ihr entschwunden, wo sind die Feste, anläßlich derer stundenlang getanzt wird?

Der Welttanztag am 29. April konnte heuer nicht im Ansatz würdig begangen, höchstens begraben werden. Doch selbst am Grabe drückt man in manchen Kulturen seine Trauer mit und im Tanz aus.

Wo wird noch auf einem Platz, auf oder an der Straße getanzt? Einfach nur so, in der Öffentlichkeit, aus reiner Lebensfreude? Mir ist solche Begebenheit zuletzt am 1. Januar 2019 in Lijiang (Yunnan, VR China) widerfahren. Niemand hätte sich damals vorstellen können, daß noch im selben Jahr ein Virus, ursprünglich im Jahre 2012 in Mojiang (Yunnan) bei an langwierigen Lungenentzündungen leidenden Bergarbeitern — von Fledermäusen übertragen — sich entwickelnd und im Jahre 2013 in ein Speziallabor in Wuhan verbracht,

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