Sophies Entscheidung

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29-05-21 09:59:00,

Erfreulich viele Menschen waren am 1. Mai 2021 dem Aufruf gefolgt, vor dem Weimarer Gericht weiße Rosen abzulegen und Kerzen anzuzünden — als Solidaritätsbekundung für einen mutigen Richter, der ein Urteil gegen die Maskenpflicht gesprochen hatte und dafür eine Hausdurchsuchung und Anzeige wegen Rechtsbeugung erntete. Die symbolischen Gegenstände wurden von einem sichtlich gereizten, ignoranten und geradezu brutal agierenden Handlanger ruck, zuck in den Müll geworfen. Zusätzlich wurden viele, auch künstlerisch schön gestaltete Briefe von Bürgern an den Gerichtspräsidenten entsorgt.

Mehr Respektlosigkeit vor den Willensbekundungen von Menschen geht nicht. Hatte man Angst, dass die humane Botschaft der Rosen- und Kerzenspender bei vielen Bürgern Gehör finden könnte? Auch das Argument, hier würden zeitgeschichtliche Dokumente zum Verschwinden gebracht, verfing bei den Ordnungshütern zunächst nicht. Bewundernswert: der hartnäckige Einsatz von Rechtsanwältin Viviane Fischer, die im Dialog mit der Polizei einige wertvolle Dokumente rettete.

Die Verwendung der weißen Rose als Symbol rief denn auch prompt Kritiker auf den Plan. Und die waren nicht zimperlich. So behauptete ein Facebook-Diskutant auf der Seite der Nürnberger Nachrichten, die Aktivisten hätten „die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte als Symbol-Setzkasten fürs eigene Schwurbel-Drama missbraucht“. Er gab zu bedenken, „wie relativ unbedeutend die Einschränkungen durch die Pandemiebekämpfung im Vergleich mit den Schrecken des Dritten Reiches sind“. Ein zweiter meinte, wer die weiße Rose als Symbol wähle, „verhöhnt die damaligen Studenten, die für ihren Einsatz den höchsten Preis zahlen mussten“.

So ging es weiter beim Gedenktag zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl am 9. Mai 2021. Der Anlass wurde zur Abrechnung mit der Corona-Opposition genutzt, die Gedenkfeier geriet zu einer Selbstfeier der Angepassten. Ging es eigentlich wirklich um die Jubilarin, oder geht es längst nur noch darum, eine weitere Gelegenheit zu nutzen, um den „Querdenkern“ eines auszuwischen? In Dutzenden von Presseartikeln wurde speziell der Fall der unglücklichen Jana aus Kassel aus den Archiven geholt, die sich bei einer von „Querdenken“ organisierten Grundrechte-Demonstration im November mit Sophie Scholl verglich, „da ich seit Monaten im aktiven Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile“. Dafür bekam sie schon vor Ort viel verbale Prügel. Ein aufgebrachter Ordner rief ihr zu, für so einen „Schwachsinn“ stehe er nicht mehr zur Verfügung.

Natürlich ist der Vergleich schon deshalb heikel, weil Sophie Scholl 1943 unter der Guillotine starb und heutige Widerständler von dem System,

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