Eine Bilanz des schwedischen Sonderwegs in der Corona-Pandemie

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02-06-21 02:33:00,

Stockholm. Die Sonne scheint auf Stockholm. 17 Grad,  Sommer im Anmarsch. In der Arstabucht auf Södermalm glitzert  das Wasser verträumt vor sich hin. Noch ist es zu kalt zum Baden. Aber auf der Wiese am Wasser drängen sich die Menschen, dicht an dicht liegend oder sitzend,  gut gelaunt und ganz selbstverständlich genießen sie die Wärme. Ohne Abstand. Ohne Masken. Wer ein eindrückliches Bild vom schwedischen Sonderweg in der nun weit mehr als ein Jahr andauernden Pandemie sucht, ist an dieser Bucht genau richtig.

Die 27-jährige Paulina blickt von der Brücke nach Liljeholmen auf die Liegewiese hinunter. „Es ist so, als gäbe es kein Corona in Schweden. So war das fast die ganze Zeit“, sagt die Stockholmer Psychologiestudentin. Es schwingt Verwunderung in ihren Worten mit, aber auch etwas Stolz. „Nur vor Weihnachten war die Angst spürbar. Im Supermarkt machten die Leute auf einmal größere Bögen umeinander. Man wollte die Eltern nicht anstecken. Zum Osterbesuch war die Vorsicht dann wieder weg“, sagt Paulina.

Bis heute keine Maskenpflicht in Schweden

Tatsächlich haben sich die Schweden in der Zeit der größten Krise einen besonderen Ruf erworben. Bis heute gab es in Schweden keine Maskenpflicht, auch ein härterer Lockdown ist anders als im Rest Europas nie verfügt worden. Es gab auch keine Hamsterkäufe, keinen Klopapiermangel, kein apokalyptisches Lebensgefühl. Natürlich  beherzigen die Schweden die Hygieneregeln. Und auch die Bitte, Menschenansammlungen zu vermeiden, befolgen viele. U-Bahnen, Busse und Stadtzentren sind in diesem einen Jahr tatsächlich deutlich leerer gewesen als sonst.

Aber Fitnessstudios, Kinos, Kindergärten und Schulen bis einschließlich neunter Klasse blieben geöffnet. Und natürlich die Friseursalons. In denen ließen sich ausländische Lock­down­flücht­linge „gleich nach der Ankunft die Haare schneiden“, erinnert sich Ewa Karlgren vom Salon Hargänget in Södermalm amüsiert.

Auf deutschen „Querdenken“-Demos wehen deshalb regelmäßig schwedische Fahnen. „Wir Schweden haben nicht richtig verstanden, wie groß das alles in der ganzen Welt gespielt wird“, räsoniert Taxifahrer Nisse Olsson (68), der seine Gäste zu den Beatles aus dem Radio transportiert. Natürlich ohne Mund-Nasen-Schutz oder gar Plexiglasscheiben vor der Fahrerkabine.

Zum 1. Juni nun fallen weitere Beschränkungen. Schweden macht sich noch lockerer. Und das trotz Inzidenzen von aktuell über 140 Infektionen pro Hunderttausend Einwohnerinnen und Einwohner – so viel also wie in Deutschland vielerorts inmitten der dritten Welle. Insgesamt sind in Schweden mit 1430 Menschen pro einer Million Einwohnerinnen und Einwohner deutlich mehr Menschen gestorben als etwa in Deutschland mit 1050 pro einer Million.

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