Die überfällige Revolution

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06-06-21 08:55:00,

Der Titel dieses Beitrags stammt von Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke. Es war zunächst nur ein Vorschlag, natürlich, aber jeder, der schreibt, weiß, was mit solchen Vorschlägen passiert. Sie entwickeln einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Revolution! Unabhängigkeit! Freiheit! Das passt zu Stil und Botschaft dieses Portals — auch oder gerade weil wir ahnen, wie schwer es ist, solche Versprechen Wirklichkeit werden zu lassen. Ist der Rubikon „frei“? Hängt das Portal nicht von den Menschen ab, die es machen, und vielleicht noch mehr von denen, die es unterstützen?

Ist der Rubikon, um dies zuzuspitzen, nicht sogar gezwungen, zur Antithese eines Journalismus zu werden, der im Moment eher wie die PR-Abteilung von Regierungen, Parteien, Konzernen zu arbeiten scheint?

Was würde aus diesem Portal werden, wenn die großen Redaktionen plötzlich wieder ihren Job machen? Wenn sie den Auftrag der Öffentlichkeit erfüllen (1) und ganz unaufgeregt und ohne Wertung alles liefern, was wir brauchen, um zu handeln, zu wählen, zu entscheiden? Würde dann noch jemand für ein Portal wie Rubikon schreiben oder spenden? Zusammengefasst: Gibt es überhaupt „unabhängige Medien“?

Mir hat die Überschrift von Jens Wernicke trotzdem gefallen, weil ich so über Walter Lippmann schreiben und dabei gleich für einen der Gedankengänge werben kann, die mein neues Buch tragen. Das Rubikon-Publikum kennt diesen Lippmann wahrscheinlich als „Vordenker am Beginn des amerikanischen Imperiums“ (Paul Schreyer) oder als Vater des Neoliberalismus (2). Was will ich von einem Mann, der zum innersten Zirkel um US-Präsident Thomas Woodrow Wilson gehörte und später von einer Regierung der Experten träumte, von einer Gesellschaft, in der Männer wie er die große Herde führen?

Es gibt einen zweiten Walter Lippmann, etwas jünger, geschockt von dem, was er gerade auf den Schlachtfeldern Europas gesehen hat und bei den Friedensverhandlungen von Paris. Die „Krise der westlichen Demokratie“, schreibt dieser junge Walter Lippmann schon vor über einhundert Jahren, ist „eine Krise des Journalismus“.

Sein Argument: Jede Regierung braucht Zustimmung und lässt sich dabei von den „Nachrichten“ leiten. Diese „Nachrichten“ aber werden von Medieneigentümern bestimmt, von „Propaganda“ und „Interessengruppen“ verstümmelt und zudem noch von den „Konventionen“ beeinflusst, die in einer ganz bestimmten „gesellschaftlichen Gruppe vorherrschen“. Das Milieu, das die Redaktionen füttert, ist zugleich ihre beste Kundschaft — bis heute.

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