Die Krisenkinder

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08-06-21 08:25:00,

Kabarettisten sind Menschenkinder mit besonders unerbittlich geschärften Zungen, spitzen Federn mit Tragweite und Adleraugen für die Fehler der Mitmenschen, bevorzugt die der politisch Tätigen. Dafür schätzen wir sie — zumal wir als Publikum meist relativ sicher vor ihnen schmunzelnd, nickend, unsere unvollkommenen Körper und Charaktere Kekse knabbernd in weiche Sessel sinken lassen können. Sie schauen den Mächtigen unter die Deckmäntelchen, „dem Volk aufs Maul“, karikieren und treffen dabei oft auf schmerzhafteste Weise ins Schwarze — zum Beispiel auch, wenn Spitznamen für ihre Opfer ersonnen und im kollektiven Gedächtnis verankert werden. Sie erinnern sich an „Birne“? Der „Genosse der Bosse“? „Schmidt Schnauze“?

Eine herausstechende Eigenschaft wird auf den Punkt gebracht und quasi zum Markennamen. Heute haben wir „Mutti“. Und an dieser Stelle — Sie müssen entschuldigen — klingeln bei mir als Psychologin plötzlich Alarmglocken. Nein. Auf meinem Hausdach springt ein Dutzend Sirenen an. Ich weiß ja nicht, was Sie dabei assoziieren, bei mir ist es nichts Gutes. Das hat einen Grund darin, dass ich berufsbedingt von Klienten Geschichten in großer Zahl kenne, in denen Mütter — die tatsächlich meist nur das Beste für ihre Kinder wollten — massiven Schaden an Seele und Gesundheit ihres Nachwuchses hinterließen. Da hilft auch kein Deminutiv.

Mütter, die ihre Kinder schützen und zum Guten erziehen wollten und sie dabei psychisch misshandelten, schädigten, blockierten oder traumatisierten fürs ganze Leben.

Es handelt sich um Mütter mit erheblichen eigenen emotionalen Problemen, ungesunden Verhaltensweisen, gestörten Beziehungs- und Bindungsmustern, die sie aus ihren eigenen Biografien mitbrachten, im Psycho-Jargon „dysfunktionalen Mustern“.

Um hier der Gendergerechtigkeit Genüge zu tun — Väter können ebenfalls enormen Flurschaden anrichten. Dennoch wage ich — als Frau darf ich das! — die Behauptung, dass Mütter noch tieferen Einfluss haben — siehe zum Beispiel pränatale Schäden durch Stress. Aber widersprechen Sie mir gern! Nehmen wir das Beispiel einer Mutter mit einer Zwangsstörung.

Sie möchte vordergründig ihr Kind schützen, indem sie zum Beispiel möglichst weitgehend kontrolliert, was ihr Kind den lieben langen Tag so treibt: Was spielt es? Ist das auch nicht zu gefährlich? Mit wem trifft es sich und wo? Ist das auch guter Umgang und wann muss es wieder zu Hause sein? Hat es die Hausaufgaben fehlerlos gemacht? Das Zimmer ordentlich aufgeräumt? Hat es sich nicht schmutzig gemacht, die Hände gründlich gewaschen? Unter der Bettdecke keine verbotenen Bücher gelesen?

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