Die Vermessung des Menschen

die-vermessung-des-menschen

09-06-21 08:38:00,

Warum wir im letzten Spätherbst in eine weitere Welle schlitterten, war vielen in diesem Lande klar: Weil man nicht auf die Wissenschaft gehört habe. Hätte man dies getan, also strikt die AHA-Regeln auch über den Sommer angewandt, weiterhin Restaurants geschlossen gehalten, dann hätten wir Anfang November viel weniger positiv Getestete gezählt. Aber weil die Politik wissenschaftsresistent sei, konnte das ja nichts werden.

Das ist die Haltung jener, die sich als Aktivisten von No Covid oder Zero Covid zu erkennen geben. Sie behaupten im Namen der Wissenschaftlichkeit zu sprechen, sich ihr unterordnen zu wollen, weil nur das der Weg aus der Pandemie sei. Man dürfe dabei nicht zu viel hinterfragen, um die Moral nicht zu untergraben, und solle es den Fachleuten überlassen. Die Wissenschaft führt uns aus dem Jammertal, wenn wir ihr nur alle Kompetenzen überlassen.

Diese Haltung birgt einen totalitären Anspruch — und wenn sich der Gedanke etabliert, mündet er direkt im Ende des Menschseins, wie wir es kennen.

Es ist notwendiger denn je, über die Wissenschaft und ihre Arbeit zu sprechen.

Wissenschaftler betätigen sich ja auf vielen Feldern. Im Silicon Valley basteln sie zum Beispiel an der Unsterblichkeit. Das ist zumindest das ganz große Ziel, das vielleicht nicht ganz realistisch ist, aber als Wegweiser dient: Der Mensch soll gesünder werden — und vor allem länger leben. Mancher Experte hält eine Lebenserwartung von zweihundert Jahren für realisierbar. Und dies innerhalb der nächsten fünf Jahrzehnte. Insbesondere die Nanotechnologie soll es richten.

Der israelische Schriftsteller Yuval Noah Harari hat seine „Geschichte von Morgen“ passenderweise mit „Homo Deus“ übertitelt. Für ihn sei das nämlich der nächste Schritt. Dem Homo Sapiens folgt der Homo Deus. Aus dem wissenden Menschen wird der vergöttlichte Mensch: Die nächste Stufe der Evolution geht über das Menschliche hinaus. Und dann ist nichts mehr so, wie wir wissenden Menschen es heute noch kennen.

Harari erklärt, dass sich „die neue menschliche Agenda“ aus dem Humanismus entwickelte. Einer ideengeschichtlichen Vorstellung, wonach der Mensch einen Wert an sich habe. Diese Idee kennen wir alle, wir sind mit ihr groß geworden. Der Transhumanismus allerdings, also jene Vorstellung, dass die menschliche Konditionierung oder menschliche Determinanten durch Technologie überwunden werden können, stellt den nächsten Schritt dar. Speziell der Tod, die prägende Erfahrung des irdischen Daseins über viele Jahrtausende, soll so aus der menschlichen Wahrnehmung getilgt werden.

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: