Mit deutscher Gründlichkeit

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09-06-21 08:38:00,

Was wir tun, das tun wir richtig. In vielen Disziplinen steht Deutschland an der Spitze. Nicht nur im Fußball sind wir top. Bereits während des Kaiserreichs entwickelten wir uns zu einer führenden Industrienation, deren Geburtshelfer bis heute ihren festen Platz haben auf dem Spielfeld der Großen: Deutsche Bank, Thyssen Krupp, Siemens, Bayer und BASF sind Namen, die jeder kennt. Trotz Dieselskandal steht Volkswagen unangefochten an der Weltspitze der Autoindustrie, gefolgt von Unternehmen wie Daimler, Allianz, BMW, Bosch und Deutsche Telekom — ganz nah an den globalen Supergiganten Walmart, Amazon, Apple und Microsoft und der chinesischen Konkurrenz.

Keine Frage: Wir sind Weltklasse. Deutschland spielt eine entscheidende Rolle auf der ganz großen Bühne. Unaufhörlich haben wir uns an der Seite des großen Bruders emporgearbeitet, unerbittlich den Orchestergraben durchpflügt, bis wir es geschafft hatten, wenn nicht die erste Geige zu spielen, so doch immerhin den Ton mit anzugeben. Als Global Player haben wir den Ruf, besonders fleißig zu sein, besonders gründlich, besonders verlässlich.

Während unsere französischen Nachbarn schon murren, wenn sie bis 62 Jahre arbeiten müssen, sind wir bis zu unserem 67. Lebensjahr auf Zack. Wenn andere längst schlappgemacht haben, krempeln wir noch die Ärmel hoch. Die dazugehörende Disziplin haben wir gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen. Arbeit ist Arbeit. Schnaps ist Schnaps. Befehl ist Befehl. Regeln sind dazu da, um befolgt zu werden.

So konnte es geschehen, dass wir heute, obwohl wir doch meinten, aus unseren geschichtlichen Ausrutschern gelernt zu haben, erneut eine Diktatur aus der Traufe heben. Während die meisten so tun, als merkten sie es nicht, sind sie alle wieder da: die Zensur, die Propaganda, die ausgehebelten Grundrechte, die eingeschränkte Meinungsfreiheit, der Gleichschritt, die Amtssprache, dieses Mal mit englischem Touch, der Reinlichkeitskult, die Ausgrenzung, die Diskriminierung und die Denunzianten, die darauf aufpassen, dass wir auf Linie bleiben. Denn wo kämen wir hin, wenn alle machen würden, was sie wollen?

Während wir noch die Zustände in Ländern tadeln, deren Führungen Demonstrationen auflösen und Regierungskritiker verfolgen, marschieren wir unverzagt dem chinesischen Vorbild entgegen. Die neuen Ermächtigungsgesetze — Verzeihung: „Gesetze zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ (1) — sorgen dafür, dass wir nachts das Haus nicht mehr verlassen und praktisch nichts mehr tun, was uns anderen Menschen nahebringt.

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