Zurück in die „Zuvielisation“

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10-06-21 09:05:00,

So sehr ich die Freiheit, meine Abenteuer und das Reisen genieße, so stark merke ich auch, dass mir etwas fehlt. Es ist das Gefühl von „zu Hause sein“ und der Wunsch, an einem schönen Naturort zu leben. Vor allem fehlt mir eine Aufgabe. Ich möchte kreativ sein, etwas erschaffen und mein erworbenes Wissen praktisch umsetzen.

Immer wieder sehe ich Bilder vor meinem geistigen Auge, wie ich mit den Händen in der Erde grabe und Bäume, Sträucher und Gemüse pflanze. Diese Verbundenheit zu einem festen Ort in der Natur, den ich mein Zuhause nennen kann, erfüllt mich und gibt mir das Gefühl, angekommen zu sein. Auch meine Sehnsucht nach zu Hause und nach meiner Familie ist jetzt stärker als je zuvor auf der Reise.

So beschließe ich, nur noch so lange zu laufen, bis mich jemand als Anhalter mitnimmt, und von da aus die ganze Strecke bis in den Vogelsberg zu trampen. Fast immer werde ich schnell mitgenommen — offenbar ist meine Entscheidung richtig. Nach zwei Tagen bin ich nahe der französisch-deutschen Grenze. An einer Autobahntankstelle sehe ich einen schwarzen BMW mit Frankfurter Kennzeichen.

Das ist das richtige Auto für mich, denke ich, und gehe auf den Fahrer zu, der gerade an der Zapfsäule steht, um seinen Luxuswagen vollzutanken. Er trägt ein weißes Hemd, einen Schlips, eine schwarze Anzughose und glänzende schwarze Schuhe. Seine Haare sind mit Gel zurückgekämmt — er sieht aus, als ob er direkt einem Modekatalog entsprungen wäre. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich trage löchrige Shorts, ein schmuddeliges Top, ausgelatschte Sandalen und Dreadlocks, die ungewollt einfach dadurch entstanden sind, dass ich seit zwei Jahren keinen Kamm und kein Shampoo benutzt habe.

Als ich so vor ihm stehe, sieht er mich mit einem Ausdruck an, der eindeutig sagt: Oh mein Gott, wie kann man nur so abgerissen rumlaufen! Hoffentlich quatscht der mich nicht an … Ich setze mein breitestes Lächeln auf und frage freundlich, ob er zufällig Richtung Frankfurt fährt. Der Typ antwortet nicht, stattdessen durchbohrt er mich mit seinen Blicken, wahrscheinlich um nach Läusen Ausschau zu halten. Nach längerem Schweigen geschieht etwas, womit ich nicht gerechnet hätte. Mit einem Seufzer antwortet er: „Okay, ich nehme dich mit. Warte hier auf mich. Es geht gleich los.“ Yes! Ich habe das perfekte Rückreiseticket gewonnen. Erleichtert lege ich meinen abgewetzten Rucksack auf den Asphalt und setze mich darauf,

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