Bürokratisches Bordering: Wie das Mobilitätsregime der EU bulgarische Migrant*innen entrechtet

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11-06-21 11:11:00,

Auf dem Papier gelten Bulgar*innen als EU-Bürger*innen. In der Realität werden sie systematisch degradiert. In einem perfiden Zusammenspiel von Behörden, Arbeitgeber*innen und Vermittlungsagenturen kommt es zu einem “bürokratischen Bordering”, das ein menschenwürdiges Leben schier unmöglich macht. Gleichzeitig sind die degradierten Migrant*innen unverzichtbar für den Arbeitsmarkt, insbesondere in Deutschland. Die Forscherin und Aktivistin Polina Manolova berichtet aus einer vermeintlich freizügigen EU, in der vor allem die Ungerechtigkeit grenzenlos ist.

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“Um einen neuen Job zu bekommen”, “Um für die Kinder meines Bruders zu sorgen”, “Um meiner erkrankten Mutter Medikamente zu bringen”, “Um meinen Mann wiederzusehen, der hier arbeitet”. Das waren einige der Gründe, die bulgarische Ankömmlinge, die am 18. März 2020 auf dem Flughafen Frankfurt am Main festgehalten wurden, für ihre Entscheidung angaben, zu Beginn der globalen Covid-19 Pandemie zu reisen. Sie gehörten zu den ersten, die die Auswirkungen des beispiellosen Securitization-Siegeszugs auf die “freie Mobilität” innerhalb der EU zu spüren bekamen.

Die Kategorisierung in “systemrelevant”/ “nicht systemrelevant”, um die herum die EU und das deutsche Covid-19-Grenzregime in den ersten Tagen der Pandemie sich konsolidierten, gewährte deutschen Passinhaber*innen und EU-Bürger*innen, die einen Nachweis ihres Wohnsitzes erbringen konnten, wie etwa eine Anmeldung, einen Arbeitsvertrag und eine Krankenversicherung, effektiv Mobilitätsrechte.

Die Bewegungsfreiheit jener EU-Bürger*innen, die in die Kategorie der temporären und nicht registrierten Arbeitskräfte, der Langzeit-Migranten*innen ohne Anmeldung, der nicht versicherten und nicht rechtmäßig ansässigen Personen sowie derjenigen, die unbezahlte Pflegeleistungen erbringen, wie die am Frankfurter Flughafen Gestrandeten, wurden als nicht dringlich und faktisch illegitim eingestuft – und daher verweigert.

Angeblich stellten solche Bewegungen eine Kontaminationsgefahr und eine potentielle Belastung für staatliche Ressourcen dar. So kristallisierte sich in den Covid-19-Logiken, die die “freie Mobilität” regeln, ein normatives Framing von Migration und Integration heraus. Dieses Framing ist durch Unidirektionalität, räumlich-soziale Fixierung und der Entscheidungsfähigkeit (mobiler) Subjekte geprägt.

Black Box der Migration

Im Gegensatz zu dieser imaginären Ordnung der Migration zeigt dieser Text etablierte “Integrations”-Modi auf, die über einen Prozess der Irregularisierung der sozio-legalen Identitäten von Migrant*innen funktionieren, sowie deren Auswirkungen auf das systemische Fixieren von Neuankömmlingen in einer untergeordneten Position der Temporalität und Unsicherheit und die Praktiken der transnationalen Unterstützung vor Ort, durch die Migrant*innen diese Ungewissheiten bewältigen. Dies rückt die jüngsten repressiven Ereignisse an den EU-Grenzen in die richtige Perspektive und hilft, die Brüche zu verstehen,

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