Das Eingeständnis

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11-06-21 11:03:00,

Sie kommen in den frühen Morgenstunden. Wenn der Morgen graut, sein Morgen graut. Sie schleichen in sein Zimmer, versammeln sich um sein Bett. Sie schlagen die Köpfe gegen die Wände. Sie zücken Rasierklingen. Sie ritzen sich den Hals. Sie ritzen sich die Arme.

Er bekommt Angst, große Angst. Er schwitzt. Er erwacht. Sie sind weg. Aber sie werden wiederkommen, schon nächste Nacht. Sie kommen immer wieder.

Sie sind tot. Aber die Schatten dieser Toten verfolgen ihn. Sie gewähren ihm keine Ruhe. Denn er trägt Mitschuld daran, dass diese Menschen gestorben sind.

Eine ungeheure Last liegt auf ihm. Die Vergangenheit ist noch nicht vergangen. Er beschließt, sich ihr zu stellen. Er fasst den Entschluss, ein Buch zu schreiben, hofft, indem er seine Vergangenheit beschreibt, Einfluss zu nehmen auf Gegenwart und Zukunft und womöglich damit seine große Schuld ein wenig zu verringern. Er schreibt ehrlich und aufrichtig, er schreibt von den Schatten der Toten und allem anderen, den Beeinflussungen, Bestechungen, Betrügereien, und er schreibt gnadenlos über sich selbst: „Ich war ein Schwein.“ Und fügt hinzu: „Nach der Lektüre werden Sie mich vermutlich nicht besonders mögen. Verurteilen Sie mich. Sie können nicht härter zu mir sein, als ich es selbst bin.“

Er widmet sein Buch „den ungezählten Opfern der Pharmaindustrie“, jenen also, deren Schatten ihn nachts martern. Sein Name ist John Virapen. Sein Buch heißt Nebenwirkung Tod.

Wer Jörg Blechs 2003 erschienenen Bestseller Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden (1) gelesen hat, ist mit der Problematik bereits gut vertraut. Allerdings sollten sich auch diese Leser warm anziehen, denn während es sich bei Blechs Buch um eine — wie der Tagesspiegel seinerzeit urteilte — „pointiert geschriebene, genau recherchierte“ Dokumentation eines zwar bestens mit dem Thema vertrauten Autors, aber eben doch Außenstehenden handelt, schreibt in der Person Virapen ein Insider. Blech ist der Militärhistoriker, Virapen der Soldat mit umfassender Fronterfahrung, der es vom Gefreiten zum Oberst gebracht hat.

Was er berichtet, bietet einen ziemlich hässlichen Anblick, und auch seine Ausdrucksweise ist hemdsärmeliger und sarkastischer als jene des Absolventen der Hamburger Journalistenschule und Stern-, Zeit– und Spiegel-Autors Jörg Blech.

Die Verhandlungsgrundlage mit einem korrupten Psychiater zum Beispiel, bei dem Virapen ein wohlwollendes Gutachten für die Zulassungsbehörde ordert,

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