Die Zeit in Coronazeiten

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11-06-21 11:03:00,

Die Coronazeiten zwangen uns einen Zeitrhythmus auf, der uns eigentlich beunruhigen sollte. Das „tagaus tagein“ der Erfahrung geriet in einen Strudel hektischer Informationspolitik und einer Zahlenarithmetik, in ein „Hin und Her“ zwischen Wissen, Meinung und Glauben, in dem sich vieles von dem, was wir gewohnt waren, auflöste. An dessen Stelle traten neue Gebote, wie wir uns zu verhalten hätten. Wir lebten eben nicht nur in „Coronazeiten“, sondern darin auch in einer anderen Zeitordnung.

Die gemäß Kant, Bergson und Heidegger neben dem Raum stabilste Konstante unseres „Seins in der Welt”, die Zeit, verlor dabei ihre beruhigende Gleitfähigkeit — und es dürfte nicht wenige geben, die das letzte Jahr, das Coronajahr, als lähmend und bleiern empfanden, während andere es als vorbeirauschend kurz registrierten. Dabei spielte der Tod als ständige Drohung und Exekutor unserer Endlichkeit eine schwer einzuschätzende Rolle in unserem Zeitempfinden. Ist uns also die Zeit in diesen Coronazeiten aus den Fugen geraten?

Der junge Vincent Van Gogh malt 1885 das Bild „Die Kartoffelesser“. Um einen von schwachem Öllicht erhellten Tisch sitzen fünf Personen. Eine ältere Frau gießt eine Flüssigkeit in bereitgestellte Tassen. Die Kartoffeln werden von einem großen flachen Teller geschöpft.

Die Gesichter der Menschen scheinen von harter Arbeit verbraucht und mit dem Raum in einem stummen Dialog zu stehen. Müdigkeit paart sich mit einer Schattenhaftigkeit, die spürbar wird als dahinschleichende Zeit. Sie bildet eine Endlichkeit ab, die kaum erschreckt. Ein Satz von Leo Tolstoi könnte einem dazu einfallen: „Ein Bauer hat keine Angst vor dem Tod.“ Was dem Bild und dem Statement von Tolstoi jedenfalls zu entnehmen ist: Um den Tod und die Zeitlichkeit zu verstehen, muss man beide aufeinander beziehen — und sie als Indikatoren unserer menschlichen Befindlichkeit, ja unserer „conditio humana” lesen. Ohne diese Beziehung — da muss man dem politischen Blindgänger Martin Heidegger recht geben — verstehen wir unser Dasein in der Welt nicht. Es kann indes sehr verschieden gestaltet sein, wie auf dramatische Weise das letzte Jahr gezeigt hat.

Gerade die Gehetztheit und zugleich Beengtheit der oftmals schnell aufeinanderfolgenden Ereignisse, der forttreibenden Anordnungs- und Maßnahmenorgie, der gewählten Agenda, sogar der Lahmlegung aller wissenschaftlichen Diskurse, zeigt uns ein Zeitmaß an, das diese 15 Monate wesentlich strukturierte und das nahe gebaut ist an den semantischen Rändern der Macht und des Todes, so wie wir ihn heute definieren,

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