Produktionsfaktor Kunst

produktionsfaktor-kunst

15-06-21 03:13:00,

Lenin sah die weltgeschichtliche Bedeutung des Marxismus darin begründet, „dass er die wertvollsten Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters keineswegs ablehnte, sondern sich umgekehrt alles, was in der mehr als zweitausendjährigen Entwicklung des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur wertvoll war, aneignete und es verarbeitete“. Das Zitat entstammt dem Band „Kultur. Ein geschichtlicher Entwurf“ von Thomas Metscher, erschienen im fortschrittlichen Kasseler Mangroven-Verlag.

Lenins Feststellung gewinnt gerade heute eine besondere Bedeutung.

Denn die aus den USA importierte „Cancel Culture“ und die Bewegung der „Political Correctness“ ergehen sich im Wahn der Verdächtigungen und Verbote. Philosophische Schriften und die klassischen Werke der Literatur, der Malerei und der Musik werden ebenso wie die Biografie ihrer Schöpfer nach Anstößigem durchstöbert.

Als schimpflich gilt alles, was den Sittenwächtern des neoliberalen Reinheitsgebots missfällt. Eine Kritik an den Auswüchsen der kapitalistischen Ausbeutung und der imperialistischen Unterdrückung hingegen sucht man bei ihnen vergebens.

Thomas Metscher ist ein angesehener Literaturwissenschaftler und marxistischer Philosoph von hohem Rang — einer der ganz wenigen, die auch über Deutschland hinaus bekannt sind und die Fackel des Marxismus durch unsere marxistisch wenig erleuchtete Gegenwart tragen. Das schon allein ist Grund, sich seiner Neuveröffentlichung mit dem wachen Interesse des Lernenden zuzuwenden.

Um es vorauszuschicken: Das Interesse wird nicht enttäuscht. Viele neue Einblicke und Erkenntnisse beflügeln die Lernbereitschaft beim Lesen. Die Lektüre wird zu einem intellektuellen Abenteuer, weil uns der Autor einerseits an seinem umfassenden kulturhistorischen und philosophischen Wissensschatz teilnehmen lässt. Andererseits zeigt er auf, wie sich das theoretische Rüstzeug des Marxismus analytisch und kritisch auf die Künste, ihre Geschichte und aktuelle Verfasstheit anwenden lässt.

Der „Kultur“-Band ist in dieser Hinsicht kein solitärer Einzelfall. Er stellt eine wichtige Ergänzung zu den beiden anderen, vorausgegangenen Bänden dar, die in keiner marxistischen Theorie-Bibliothek — aber auch sonst in keiner Bibliothek — fehlen dürfen: Metschers kunsttheoretische Studien mit dem Titel „Ästhetik, Kunst und Kunstprozess“ (veröffentlicht 2013) und seine an die Französische Revolution und die Geschichte der Commune erinnernden „Pariser Meditationen. Zu einer Ästhetik der Befreiung“ (2019).

Der neue Band ist sowohl kunsttheoretisch als auch kunsthistorisch von besonderem Belang. Er gliedert sich in drei Teile, von denen sich der erste der geschichtlichen Herausbildung sowohl des allgemeinen Kunstbegriffs als auch der realen Künste widmet. Der zweite Teil entwickelt, ausgehend von Marx und Engels, eine marxistische Kunsttheorie. Der abschließende dritte Teil beinhaltet theoretische Erweiterungen,

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: