Die Schuld überwinden

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19-06-21 03:04:00,

Über bestimmte Dinge spricht man nicht. So sagte meine Oma. Ich, mit Sesamstraße und Rappelkiste aufgewachsen, dachte bis vor gar nicht so langer Zeit, es sei eine Tugend, neugierig zu sein, Fragen zu stellen und nicht alles zu schlucken, was einem gesagt wird. Seit 20 Jahren weiß ich, dass man besser nicht nachfragt, wie zwei Flugzeuge drei Türme zum Einstürzen bringen können, und seit gut einem Jahr, dass man von der Regierung getroffene Maßnahmen zur Virenbekämpfung möglichst nicht anzweifeln sollte.

Da ich das trotzdem tue, gelte ich in meinem Land als Covidiotin. Da ich für das Internetmagazin Rubikon schreibe, gelte ich als Verschwörungstheoretikerin, und weil ich die Corona-Impfung ablehne als gefährliche QAnon-Jüngerin. Hinter meiner Kritik an den Finanzeliten argwöhnt ein langjähriger Freund und Professor für Politikwissenschaft einen versteckten Antisemitismus und hinter meiner Bemerkung, dass die Berichterstattung zu Donald Trump und Wladimir Putin in den Mainstreammedien vielleicht nicht immer den Tatsachen entspricht, eine Tendenz zu Homophobie und Rassismus.

Mir schwirrt der Kopf. Diejenigen, die solche Kurzschlüsse ziehen und alles miteinander in einen Topf werfen, sind von mir sehr geschätzte, hochgebildete, freundliche Zeitgenossen. Das gibt mir zu denken. Habe ich sie noch alle? Bin ich gerade dabei, verrückt zu werden? Sollte ich besser aufhören damit, die Dinge immer wieder infrage zu stellen, einschließlich meines eigenen Standpunktes, und den Mund halten? Sollte ich mich darüber freuen, zu den Privilegierten dieser Welt zu gehören und mir einen Impftermin holen?

Das wäre sicherlich bequem. Ich würde nicht mehr als Querulantin dastehen, müsste mir keine Gedanken darüber machen, was stimmt und was nicht, und hätte Zeit, meine nächsten Reisen zu planen. Ich gebe zu, die Verlockung ist groß. Wie einfach wäre mein Leben, wenn ich denken und sagen würde, was die Mehrheit denkt und sagt, und wenn ich den Autoritäten vertrauen würde.

Ich würde ihnen glauben, dass Masken, Desinfektionsmittel, Überwachung, Social Distancing, Lockdowns und Impfdosen gut für meine Gesundheit sind und einfach nicht mehr hinhören, wenn ein paar Verrückte von einem beispiellosen Verbrechen an der Menschheit sprechen, das die Opfer der letzten beiden Weltkriege bei Weitem übersteigt. Ich könnte mich in Ruhe zurücklehnen und diejenigen bedauern, die solchen Quatsch denken. Bei mir wäre alles in Ordnung. Ich würde auf das bedingungslose Grundeinkommen warten, von dem ich profitiere, wenn ich mich richtig verhalte, und hoffen, dass Technologie und Künstliche Intelligenz mein Überleben sichern.

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