Quick-Commerce – die Rückkehr der Dienstbotengesellschaft

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23-06-21 12:17:00,

Sie schießen wie Pilze aus dem Boden der Besserverdiener-Viertel in deutschen Großstädten – Bringdienste mit Namen wie Gorillas oder Flink, die mit dem Versprechen antreten, über eine App zusammengeklickte Supermarkt-Artikel in weniger als 10 Minuten bis zur Haustür zu liefern. Die Mehrkosten für die Kunden sind überschaubar, die Geschäftsmodelle alles andere als nachhaltig. Dass die Verluste nicht noch größer ausfallen, liegt nur daran, dass man seinen Kampf um den Markt auf dem Rücken schlecht bezahlter, weitestgehend rechtloser Mitarbeiter austrägt, die durch die Corona-Maßnahmen ihre vorherigen Jobs verloren haben. In einer halbwegs fairen und gleichen Gesellschaft hätten solche Geschäftsmodelle keine Chance. Ihr Siegeszug in Deutschland zeigt, wie ungerecht und ungleich unsere Gesellschaft geworden ist. Von Jens Berger.

Im Kaiserreich war es üblich, dass jeder Kolonialwarenladen in einem besseren Stadtviertel einen oder mehrere Boten beschäftigte. Dies waren oft Kinder oder Jugendliche, die den feinen Herrschaften dann für ein paar Pfennige die schweren Einkaufstaschen bis vor die Haustür trugen, wo sie vom Hauspersonal entgegengenommen wurden. In Ländern der Dritten Welt und den sogenannten Schwellenländern mit ihren enormen aber gesellschaftlich akzeptierten Unterschieden zwischen reich und arm gab es diese Dienstleistung auch in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, während sie in Mitteleuropa nahezu in Vergessenheit geriet. Kinderarbeit ist seit langem verpönt und in einer Gesellschaft mit einer breiten Mittelschicht galten Geschäftsmodelle, die sich derart eindeutig auf die Ausbeutung prekärer Niedriglöhner gründeten, als unanständig. So trugen selbst die Besserverdiener jahrzehntelang ihre Einkaufstüten selbst. Doch diese Zeiten sind vorbei. In städtischen Besserverdiener-Vierteln kann man heute seine Einkäufe bequem per App zusammenstellen und sie sich in weniger als zehn Minuten von einem Niedriglöhner auf dem Fahrrad oder Mofa bis zur Haustür liefern lassen. Und dies noch nicht einmal sonderlich teuer. Beim Branchenprimus Gorilla ist man bereits mit einer festen Liefergebühr von 1,80 Euro dabei. So wird das Ausbeuten noch nicht einmal ein Privileg der Oberschicht. Jeder kann mitmachen und das zeitgemäß per Klick und ohne Gewissensbisse.

Wie funktioniert ein solches Geschäftsmodell? Erfunden wurde es, wo auch sonst, in den USA. Dort startete 2013 der Lieferdienst goPuff mit seinem Angebot, Supermarktartikel blitzschnell und mit einem geringen Aufpreis von Kurieren an Kunden ausliefern zu lassen, die ihren Einkauf über die unternehmenseigene App abgeschlossen haben. In Deutschland wurde dieser Sektor lange von den Einzelhandels-Platzhirschen und dem eCommerce-Giganten Amazon mit seinem Angebot Amazon fresh beherrscht.

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