Georgien – Sie wollte Vorbild sein und starb

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28-06-21 04:37:00,

Georgien Nach dem Tod einer Krankenschwester aus Achalziche will sich im Moment kaum noch jemand impfen lassen

Sie wollte Vorbild sein und starb

Eine Arbeiterin eines Krankenhauses in Tiflis bekommt eine Impfdose verabreicht

Foto: Vano Shlamov/AFP/Getty Images

Im europäischen Kulturkreis gibt es zwei Länder, in denen eine Durchimpfung gegen Covid unerreichbar erscheint: Armenien und Georgien. In Armenien ist das Interesse so klein, dass der knappe Impfstoff im Mai auch an Ausländer abgegeben wurde. Und in Georgien wollten sich 50 Prozent nicht impfen lassen, dabei trat die größte denkbare Katastrophe erst nach dieser Umfrage ein.

Die georgische Impfkampagne mit AstraZeneca begann nämlich so: Der erste Impfling in Achalziche, die 28-jährige Krankenschwester Megi Bakradze, sagte in eine Fernsehkamera, man muss sich nicht fürchten, jedes Medikament kann Nebenwirkungen haben. Unmittelbar danach erlitt sie einen anaphylaktischen Schock und starb. Die diensthabende Ärztin Violetta Inasaridze behauptete, sie hätte Megi sofort das womöglich rettende Adrenalin injiziert, denn „wir fürchten diesen neuen Impfstoff sehr“. Sechs Tage später gab sie ihre Untätigkeit zu: „Ich dachte, das ist irgendeine allergische Reaktion, wie ich viele gesehen habe. Sie war ein emotionales Mädel.“

Ich fahre in den Kleinen Kaukasus hinauf. Achalziche, das Hauptstädtchen der zur Hälfte von Armeniern bewohnten Südregion Georgiens, liegt auf 992 Höhenmetern; ich muss auf 1.245 Meter, nach Unter-Enteli, in Megis Dorf. Die Gegend hieß Meschetien, da hier bis zu ihrer Deportation durch Stalin türkische Mescheten lebten. Seither siedeln hier vorwiegend Georgier.

Ich warte auf den Witwer. Er arbeitet mit Megis Vater am Bau. Das Bauwerk, behauptet mein armenischer Fahrer, gehöre dem machthabenden Oligarchen. Es sei „eine fünfstöckige Mauer, damit ihm aus dem fünfstöckigen Nachbarhaus keiner reinschaut“. Das Dorf besteht aus 147 Haushalten, die Leute leben von Kohl und Kartoffeln. Hinter den Bergen, da liegt schon die Türkei. Ich sehe das Pausengetümmel am Schulhof, dort sind jetzt auch die Tochter (7) und der Sohn (10) der Toten.

Im verwilderten Garten von Megis Familie steht ein eingemottetes Auto. Die Vorfahren kamen aus dem Großen Kaukasus, das Haus haben sie selbst gebaut, manchmal kommen Mescheten vorbei, das verlorene Meschetien sehen. Megis Schwiegermutter, die jetzt die Kinder erzieht, trägt Schwarz. Der Witwer Manutschar Kobachidze (37) hat ein fein geschnittenes Gesicht und sagt kein überflüssiges Wort. Megi arbeitete auf der Achalzicher Covid-Station, „sie wollte anderen ein Vorbild sein“ und ließ sich daher als Erste impfen.

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