Überwachungsfantasien im Ministerium

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29-06-21 08:10:00,

Arbeitsgruppe im Forschungsministerium lässt Anwendung von Sozialkreditsystem erforschen. Debatte um Folgen, auch für den Arbeitsmarkt

Technische Kontrollinstrumente zur Covid-19-Entwicklung in Südkorea begeisterten auch in Europa machen Regierungspolitiken, die laxen Vorschriften bei Neubauten in Katar sorgen für Zuspruch bei Bauunternehmern. Häufig werden Erfahrungen anderer Länder zur Argumentation hierzulande genutzt. Manchmal auch von höchsten Stellen. Wie das Sozialkreditsystem Chinas in der Bundesrepublik eingesetzt werden kann, lässt nun Bundesforschungsministerin Anja Karliczek untersuchen.

Bei Sozialkreditsystemen werden Menschen anhand unterschiedlicher gesammelter Daten bewertet. Nachbarn können als “Big Brother” Noten vergeben, Kameras mit Gesichtserkennungsprogrammen dokumentieren Fehlverhalten, wie das Überfahren einer roten Ampel oder die Teilnahme an einer verbotenen Demonstration.

Die ermittelten Punkte sind bedeutsam beim Erwerb von Tickets für Hochgeschwindigkeitszüge oder helfen dem Personalchef, der über eine Bewerbung zu entscheiden hat. Dieses umfassende gesellschaftliche Experiment zur Disziplinierung und Kontrolle weckt offenbar auch hierzulande Begehrlichkeiten.

Der “Zukunftskreis” des Bundesforschungsministeriums sucht aktuell nach Zukunftstrends. Dabei wurde auch ein Szenario zu Social-Scoring-Praktiken entwickelt. Die Frage: Was wäre, wenn hierzulande ein Bonuspunktesystem eingeführt wird, dass sich am Sozialkreditsystem Chinas orientiert? Von den Forschungsergebnissen berichtet Karim Fathi, Mitglied des Zukunftskreises des Ministeriums.

Im “Plattform-Punkte-Kapitalismus” soll die Punktevergabe “nicht nur zentralisiert über den Staat erfolgen”, sondern in Freizeit oder Betrieb durch Vermieter oder Vorgesetzte. Folge des Szenarios sei die Einführung des Punktesystems und “eine transparent einsehbare und unternehmensübergreifend vereinheitlichende Bewertungsgrundlage”. In der Arbeitswelt könne so Künstliche Intelligenz “immer komplexere Auswertungs- und Entscheidungsfunktionen, auch auf Grundlage des Punktesystems” übernehmen. Mit Personalbewertung befasste Technik kann für Unternehmen sämtliche Daten in einer Art “Reputationsscore” zusammenführen.

Erzwungene Freiwilligkeit

In der “Leistungsgesellschaft 2.0” gebe es auch neue Jobs, verdeutlicht Fathi. So sollen “menschliche Scoring-Coaches für Fach- und Führungskräfte sowie für ganze Unternehmen” helfen, das Scoring-Profil zu analysieren und auf Basis “vielfältiger, auch intimster Daten, die der Klient oder die Klientin zur Verfügung stellt” die Punkte zu verbessern. Das System solle auf Freiwilligkeit beruhen, so Fathi. Kritiker des Systems seien aber in der Gefahr, ins “soziale Außenseitertum” abzurutschen.

Beim “Arbeiten im digitalen Bonussystem” herrsche “hoher Konkurrenz- und Leistungsdruck infolge der Ausweitung des sozialen Wettbewerbs”. “In der Welt des Bonussystems ist die Mehrheit der Menschen von ihrem Score abhängig und wird danach ihren Lebenssinn ausrichten”, ist sich Fathi sicher.

Das Szenario knüpft an aktuelle Entwicklungen an.

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