„Wir müssen den Wurm im Apfel lieben lernen“

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02-07-21 10:35:00,

„Lasst uns heute noch beginnen, Wälder zu pflanzen, in denen die Nahrung für Mensch und Tier auf Bäumen wächst. Lasst uns Paradiese pflanzen!“ Das sagt der Autor Timm Koch im Interview mit den NachDenkSeiten. Koch hat gerade in seinem neuesten Buch Lasst uns Paradiese pflanzen! Reich werden mit der Vielfalt der Natur – statt arm durch ihre Zerstörung. ein leidenschaftliches Plädoyer für einen neuen Umgang mit der Vielfalt der Natur verfasst. Im NachDenkSeiten-Interview verdeutlicht Koch, was im Großen getan werden muss, aber auch, was jeder Einzelne tun kann. Außerdem erklärt er, was es mit dem „Wurm im Apfel“ auf sich hat. Von Marcus Klöckner.

Herr Koch, Sie setzen sich immer wieder mit der Natur und mit der Umwelt auseinander. Mit dem Leid der Bienen, mit Wasserstoff als Antrieb für die Zukunft und nun mit Pflanzen. „Lasst uns Paradiese pflanzen!“, fordern Sie in Ihrem neuen Buch. Das Gegenstück vom Paradies ist die Hölle. Wo befinden wir uns im Hinblick auf unsere Umwelt?

Ausschlaggebend für meinen Entschluss, dieses Buch zu schreiben, war eine Reise nach Peru und Ecuador, die ich im Winter 2019/2020 mit meiner Frau unternahm. Gerade in Ecuador, einem der Biodiversitätshotspots der Erde, wurde ich Zeuge, wie nicht nur eine entfesselte Landwirtschaft, sondern auch eine absolut brutal und rigoros agierende Forstwirtschaft, die Aquakultur von Garnelen, die rücksichtslose Befischung des pazifischen Humboldtstroms und die Ölindustrie die faszinierende Artenvielfalt Südamerikas bedenkenlos, für den vermeintlich schnellen, neokolonialistischen Dollar, ohne Rücksicht auf Verluste, zermalmen.

Am meisten hat mich die tagelange Fahrt durch Eukalyptusforste deprimiert. Eine einzige, aus Australien importierte Baumart ersetzt heutzutage großflächig den einzigartigen Wolkenwald. Wo vor Kurzem noch Megabiodiversität anzutreffen war, herrscht heute eine Monokultur, in der für die heimischen Arten kein Platz mehr ist. Diese Forste sind eigentümlich still. Man hört keine Affen kreischen, keine Vögel rufen; nur das unheimliche Rascheln der Eukalyptusblätter. Den Menschen, die dort leben, wurden die Früchte des Waldes genauso geraubt, genau wie ihre Heilkräuter. Auch die Jagd entfällt komplett.

Anderswo im Lande dominieren Ölpalmen, Bananenplantagen und Teakpflanzungen das Bild der Monotonie. Nachdem ich in einem Schutzgebiet die noch erhaltenen Reste des Wolkenwaldes in ihrer ungeheuren Pracht bewundern durfte, empfand ich die Monokulturen tatsächlich als höllisch. Man braucht übrigens gar nicht so weit zu reisen, um Ähnliches empfinden zu können. Eine Fahrt durch die endlosen Kiefernforste und Maisschläge Brandenburgs weckt in mir ähnliche Emotionen.

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