Wie der Neoliberalismus uns zu einsamen Menschen macht

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05-07-21 11:11:00,

Schon bevor das Corona-Virus und die damit zusammenhängenden Lockdowns viele Menschen unter Isolation und Einsamkeit leiden ließen, fühlten sich viele Menschen weltweit einsam und alleingelassen. Das zeigen wissenschaftliche Studien. Wieso die Menschen so einsam geworden sind, welche Folgen dies individuell wie gesellschaftlich hat und was man tun kann, um diese Entwicklung zurückzudrehen – das ist das Thema des Buches der britischen Ökonomin Noreena Hertz mit dem Titel „Das Zeitalter der Einsamkeit. Über die Kraft der Verbindung in einer zerfaserten Welt“. Udo Brandes hat es für die NachDenkSeiten gelesen.

Wenn man sich die Zahlen anschaut und dabei bedenkt, dass der Mensch ein zutiefst soziales Wesen ist, das lebenspraktisch wie emotional auf den Kontakt zu anderen Menschen angewiesen ist, dann kann man nur erschrecken – man versteht aber auch einiges in unserer Gesellschaft besser. Schon vor dem Ausbruch der Corona-Epidemie bezeichneten sich drei von fünf Erwachsenen in den USA als einsam. In der deutschen Bevölkerung hielten zwei Drittel Einsamkeit für ein großes Problem. Ein Drittel der niederländischen Bevölkerung gab an, einsam zu sein. Jeder zehnte Niederländer stufte sich sogar als besonders einsam ein. In Schweden berichtete bis zu einem Viertel der Bevölkerung, häufig einsam zu sein. Und in der Schweiz gaben zwei von fünf Menschen an, sich manchmal, häufig oder immer einsam zu fühlen.

Außerhalb der USA und Europas sieht es nicht besser aus. Beispiel Japan:

„In Japan hat sich die Anzahl der Straftaten, die von Personen über 65 Jahren verübt werden, in den letzten zwei Jahrzehnten vervierfacht. Über zwei Drittel dieser Altersgruppe wurden innerhalb von fünf Jahren erneut straffällig. Die Gefängniswärterin Junko Ageno ist sich sicher, dass Einsamkeit der Hauptgrund für diese Entwicklung ist – denn so haben ihre Schützlinge es ihr erzählt. Koichi Hamai, Professor an der Ryokoku-Universität in Kyoto, der das Phänomen der älteren Gefängnisinsassen untersucht hat, bestätigt dies. Er glaubt, dass eine bedeutende Zahl älterer Frauen bewusst einen Gefängnisaufenthalt wählt, um sozialer Isolation zu entfliehen. Üblicherweise werden sie für Bagatelldelikte wie kleinere Ladendiebstähle verurteilt – eine der am leichtesten zu begehenden Straftaten, wenn man ins Gefängnis geschickt werden möchte“ (S. 14).

In China erlangte 2017 in Tianjin ein 85 Jahre alter Mann internationale Berühmtheit, weil er an einer Bushaltestelle einen Aushang anbrachte. Dort stand zu lesen: „Einsamer Mann Mitte 80 hofft, dass eine gutherzige Person oder Familie ihn adoptieren möchte.“ Drei Monate später starb der Mann.

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