SoZ – Sozialistische Zeitung » Das Opfer eines Komplotts

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07-07-21 10:04:00,

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2021 |

Der Wikileaks-Gründer Julian Assange soll vernichtet werden – zu diesem ­Ergebnis kommt der UNO-Sonderberichterstatter Nils Melzer
von Albrecht Kieser

Nils Melzer: Der Fall Julian Assange. Geschichte einer Verfolgung. München: Piper, 2021. 336 S., 22 Euro

In das Komplott sind mehrere westliche Regierungen, das Justizwesen mehrerer demokratischer Länder und die Mehrzahl der «freien Medien» in diesen Ländern verwickelt – so lautet der Verschwörungsvorwurf, den Nils Melzer in seinem Buch, Der Fall Julian Assange, minutiös begründet.
Nils Melzer ist seit 2016 UNO-Sonderberichterstatter für Folter. Als Professor für internationales Recht lehrt er in Genf und in Glasgow. Hätte er sich 2018 zum Fall Assange äußern müssen, hätte Melzer nur müde abgewunken. Ein «zwielichtiger Hacker mit Lederjacke und weißen Haaren, der sich wegen Vergewaltigungsvorwürfen irgendwo in einer Botschaft versteckte» – so sein damaliges Urteil, von dem er uns selbstkritisch erzählt. Im Dezember 2018 erreichte ihn ein Hilfeersuchen der Anwälte von Assange. Melzer klickte es weg. Zu diesem Zeitpunkt saß der «zwielichtige Hacker» schon sechs Jahre lang aus Angst vor einer Auslieferung in die USA bzw. Schweden in der ecuadorianischen Botschaft in London fest – und nichts bewegte sich in seinem Fall.
Wenn Nils Melzer auf die Anfänge seines Engagements zurückblickt, kann er nicht umhin, die «schlagende Ironie» festzustellen: «Da saß ich also und schrieb an einem Bericht über den Zusammenhang zwischen Korruption und Folter und bemerkte nicht einmal, dass das Interventionsgesuch von Assanges Anwälten mir geradezu ein Paradebeispiel für mein Thema für Augen führte.»

Drehbuch aus den USA
Dass Assange und seine Anwälte völlig zu Recht befürchten mussten, die USA würden ihn «vernichten», wenn sie seiner habhaft würden, begriff Melzer im Frühjahr 2019. In einer «multilateral koordinierten Aktion Ecuadors, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten» wurde der Wikileaks-Gründer, dessen Veröffentlichungen seit Anfang der 2010er Jahre zahlreiche Kriegsverbrechen der USA im Irak- und Afghanistankrieg ans Licht holten, am 11.April aus der ecuadorianischen Botschaft in ein britisches Hochsicherheitsgefängnis überführt – man könnte auch sagen: entführt. Nils Melzer, der zu diesem Zeitpunkt erste kritische Anfragen an die beteiligten Regierungen gestellt hatte, sah sich getäuscht – und das ließ bei ihm «alle Alarmglocken schrillen».
Nun beginnt der äußerst spannend zu lesende Bericht der zwei Jahre währenden Interventionen eines der höchsten UN-Diplomaten,

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