Als Callboy im Puff „Paradox“ | KenFM.de

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08-07-21 07:34:00,

Von Dirk C. Fleck.

Wir wollten uns doch wieder mehr Geschichten erzählen. Hier ist eine, wie sie skurriler kaum sein könnte. Auf der “Treffpunkt”-Seite der Hamburger Morgenpost fand ich Ende der Achtziger Jahre eine Anzeige der besonderen Art. Ein Club in Niendorf suchte männliche Mitarbeiter. “Nur für die Frau!” stand unter dem Emblem einer schäumenden Sektflasche. Mutige Unternehmer waren angetreten, um die letzte Sexlücke zu schließen. Die Ankündigung versprach der holden Weiblichkeit Gesellschaft vom Feinsten: Männer, Männer, Männer! Einer dieser Männer war ich.

Ich hatte zwei Monate zuvor meinen Job als Redakteur einer großen Tageszeitung gekündigt und brauchte Geld. Eine Reportage als Callboy im Puff “Paradox” müsste sich doch verkaufen lassen. Also rief ich den Playboy an und erzählte, dass ich mich in dem Club bewerben wolle. Falls sie mich da nehmen sollten, würde ich ihnen einen hinreißenden Bericht liefern. Ich hatte es kaum ausgesprochen, da hatte ich den Auftrag schon. Das vereinbarte Honorar konnte sich ebenfalls sehen lassen.

Es war nicht schwer, den Job zu bekommen. Ein Anruf, ein kurzes Vorstellungsgespräch in einer Privatwohnung und schon war ich engagiert. Meine Vorteile? Nun ja, die souveräne männliche Ausstrahlung, ein interessantes, vom Leben gezeichnetes Gesicht, gütige Augen und die Fähigkeit, die Sache mit Humor zu tragen. Da waren mein Boss Vladimir und ich uns einig.

„Du bist genau der Richtige“, sagte er, „Jüngelchen können wir nicht gebrauchen“.
Das ging runter. Wenn Männer schon so dachten, was würden erst die Frauen sagen? Da ich kein Jüngelchen war, hatte ich die Ehre, bei der Premiere dabei zu sein. Arbeitskleidung war mitzubringen: Badehose und wenn möglich ein geripptes Unterhemd. Ärmelloses T-Shirt sei auch okay. Nächsten Sonntag sollte es losgehen, zwölf Uhr mittags, High Noon …

Der Taxifahrer war sich nicht sicher wo sich der Club „Paradox“ befand, und so machten wir eine kleine Zeitziehungstour durch Niendorf und blieben schließlich vor einer verwunschenen Villa stehen. Kurz darauf verlor ich die Sonne aus den Augen. Da war es: das tiefe, samtene, Wände und Boden überziehende, noch die Spiegel sättigende Puff-Rot! Nichts in der langen Geschichte der Innenarchitektur und ihrer Geschmacksverirrungen hat sich hartnäckiger behauptet als der Kordelplüsch in Rot, mit dem die Bordelle dieser Welt seit Jahrhunderten auf Bauernfang gehen.

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