Das neue Inflationsziel der Europäischen Zentralbank und das Endspiel des Kapitalismus – Geld und mehr

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13-07-21 07:24:00,

9. 07. 2021 | Hören | Die Europäische Zentralbank (EZB) will künftig höhere Inflation zulassen als bisher. Das bietet mir eine gute Gelegenheit zu erklären, warum ich mein im Herbst erscheinendes Buch „Endspiel des Kapitalismus“ genannt habe.

Endspiel des Kapitalismus

Bisher strebte die EZB an, die Inflation „unter aber nahe bei 2%“ zu halten. Die umständliche Formulierung war ein Kompromiss und sollte signalisieren, dass die Inflation zwar in der Nähe von 2% liegen sollte, dass aber Abweichungen nach oben weniger tolerabel waren als solche nach unten.

Mit der am 8. Juli verkündeten Strategieänderung lautet das Inflationsziel einfach 2% und Abweichungen nach oben und unten sind ausdrücklich gleichwertig. Außerdem hat die EZB klargestellt, dass sie bereit ist, in ausgeprägten Niedrigzinsphasen eine Überschreitung des 2%-Ziels hinzunehmen. Im (übersetzten) O-Ton:

Wenn die Wirtschaft sich am unter Ende der nominalen Zinsskala bewegt, erfordert das eine besonders kraftvolle oder ausdauernde Geldpolitik, um zu verhindern, dass eine Inflation unterhalb des Ziels zur Gewohnheit wird. Das kann für vorübergehende Zeit auch moderate Überschreitung des Inflationsziels beinhalten (imply).“

Das bedeutet: Wenn die Wirtschaftslage trotz praktisch ausgereizter Zinspolitik schlecht oder labil ist, wird die EZB nicht wegen einer Überschreitung des Inflationsziels mit höheren Leitzinsen gegensteuern. Die Inflation zieht bereits an. Im Juni betrug sie 1,9%. Wegen der sich zuspitzenden Warenknappheit in manchen Branchen, bisher vor allem auf der Ebene der Rohstoffe und Zwischenprodukte, dürfte sich diese Tendenz noch verstärken.

Wir dürfen also in den nächsten Jahren mit höherer Inflation bei weiterhin sehr niedrigen Zinsen rechnen. Das bedeutet, dass der inflationsbereinigte Zins noch stärker negativ wird. Banken müssen für Guthaben bei der EZB derzeit einen Negativzins von 0,5% bezahlen, was bei einer Inflationsrate von 2% einem Realzins von minus 2,5% entspricht.

Für Staatsanleihen der höchsten Sicherheitseinstufung AAA im Euroraum zahlen die Regierungen den Anlegern je nach Laufzeit zwischen minus 0,7% bei Kurzläufern und plus 0,1% bei 30-jährigen Anleihen. Inflationsbereinigt bedeutet das, dass selbst die Rendite von 30-jährigen Anleihen deutlich negativ ist. Die Finanzmarktakteure erwarten, dass der Leitzins auf Jahrzehnte hinaus niedriger liegt als die Inflation.

Straße ohne Wiederkehr

Eine Niedrigzinspolitik in diesem Ausmaß ist eine Einbahnstraße. Es gibt kein erträgliches Zurück zu einem Zinsniveau, wie es früher normal war. Um das zu verstehen, hilft es, zunächst zu analysieren,

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