„Diktatursozialisiert“?

„diktatursozialisiert“?

13-07-21 07:20:00,

Diffamierung als Auszeichnung: Die ostdeutsche „durchgängig skeptischere, distanziertere und auch kritischer ausgeprägte Grundeinstellung gegenüber Politik und Demokratie“, wie im Einheitsbericht der Bundesregierung negativ vermerkt, hat eine positive Seite: Jene, die erfahren mussten, durch mediale Trugbilder getäuscht worden zu sein, haben jede Leichtgläubigkeit verloren. Von Irmtraud Gutschke.

Wer ist Marco Wanderwitz, dass er unsereins mit dem Wort „diktatursozialisiert“ beschimpfen kann? 1975 in Karl-Marx-Stadt geboren (wie auch ich Jahre früher), trat er 1990 der Jungen Union und 1998 der CDU bei. Laut Wikipedia war er von 1999 bis 2012 stellvertretender Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Chemnitzer Land (ab 2009 Zwickau) und ist seit 2012 Kreisvorsitzender in Zwickau. Seit 2002 ist er Mitglied des deutschen Bundestages. Politisch umtriebig, zielstrebig, hat er es in kurzer Zeit in die Regierung geschafft. Seit Februar 2020 ist er Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer. Als ob diese beiden Funktionen nicht genug seien, ist er außerdem als Rechtsanwalt in Leipzig tätig. Pikanterweise gehörte er zu den neun Bundestagsabgeordneten, die gegen die zwangsweise Veröffentlichung ihrer Nebeneinkünfte durch das 2005 verabschiedete Transparenzgesetz vor dem Bundesverfassungsgericht klagten und dort scheiterten. Wer sich über seine sonstigen politischen Ansichten informieren will, zum Beispiel was den Mindestlohn und die Finanzierung der Krankenkassen betrifft, wird im Internet leicht fündig.

„Himmelsrichtungen spielen keine Rolle mehr“, sagte Marco Wanderwitz, als er am 7. Juli im Haus der Bundespressekonferenz den aktuellen „Einheitsbericht“ der Bundesregierung vorstellte. Das entsprach wohl eigener Erfahrung und Vorgehensweise. Kaum jemand wird einen DDR-Hintergrund besonders betonen, wenn er oder sie in der BRD Karriere machen will. Nur 4,2 Prozent der „Elitepositionen“ sind laut Handelsblatt von Ostdeutschen besetzt. Mögen die Zahlen je nach Studien unterschiedlich ausfallen, weil „Elite“ ein schwammiger Begriff ist, es dorthin zu schaffen, verlangt Durchsetzungswillen – und Anpassungsleistung. Mehr ostdeutsche Führungskräfte – diese Forderung kommt persönlichem Aufstiegswillen entgegen, aber nicht automatisch einer besseren Vertretung ostdeutscher Interessen. Die Neuankömmlinge auf den Etagen der Macht müssen sich womöglich als besonders systemkonform erweisen nach dem radikalen Elitewechsel, der in Folge des Beitritts der DDR zur BRD stattgefunden hat.

Ein Diktat aus Desinformationen, Zermürbung und Erpressung

Gleichsam mit eisernen Besen wurde damals weggekehrt, was noch irgendwie mit der DDR verbunden war. Was allein an ostdeutschen Hochschulen geschah, spottet jeder Beschreibung. Gestandene Wissenschaftler – nicht etwa nur auf gesellschaftswissenschaftlichem Gebiet – hatten sich einer entwürdigenden Evaluierung zu unterziehen,

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