Die unerträgliche Freiheit

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19-07-21 09:51:00,

Als Schiller-Fan Dostojewskij seinen „Großinquisitor“ schrieb, dachte er mit Sicherheit an dessen Vorbild aus dem „Don Carlos“. Dort findet sich auch eine brillante Analyse des Menschenbildes autoritärer Staaten. Sie war selten so aktuell.

Spanien, 1568. Philipp II. herrscht mit Hilfe der Inquisition. Nur leider gehört ausgerechnet sein eigener Mitarbeiter, der Marquis von Posa, zu den Abweichlern …

Bei Schiller beruht der Staat der Inquisitoren auf Menschenverachtung: „Wozu Menschen? Menschen sind/ für Sie nur Zahlen, weiter nichts“, meint der Großinquisitor. „Wenn Sie/ um Mitgefühle wimmern, haben Sie/ der Welt nicht Ihresgleichen zugestanden?/  Und welche Rechte, möcht‘ ich wissen, haben/ Sie  aufzuweisen über Ihresgleichen?“

Schon hier werden Elemente dessen sichtbar, was neudeutsch „Nudging“ genannt wird: Mit welchem Recht will ein Mensch seinesgleichen sagen, was gut für sie ist? Das Legitimationsdefizit kann nur durch narzisstische Selbstüberhöhung ausgeglichen werden.

Entsprechend muss der „Stupsende“ auf emotionale Bindungen verzichten, denn sonst würde er sich mit anderen auf eine Stufe stellen. Bezogen auf heute: Social Distancing als Basis des Despotismus. Der Abweichler Posa zeigt dem König die Schwachstelle auf: „Sie blieben selbst noch Mensch …“ Selbst Tyrannen können sich nach Nähe sehnen. Das Menschliche zu überschreiten — gewissermaßen Transhumanismus avant la lettre — ist nämlich gar nicht so einfach.

Etwas zu überschreiten bedeutet, es aufzugeben. Es gibt keine menschlichen Despoten.
 
Was macht Menschsein aus? Freiheit als zentraler Aspekt ist eine zutiefst humanistische Idee. Giovanni Pico della Mirandola (st. 1494) verknüpfte sie mit Menschenwürde: Der Mensch hat keinen vorbestimmten Platz in der Welt. Allein in seiner Hand liegt, was er ist. An dieses humanistische Ideal der individuellen Selbstvervollkommnung knüpft übrigens auch die eigentliche Idee von Nietzsches „Übermensch“ an. Es war der pervertierte Vulgärnietzscheanismus der Nationalsozialisten, der daraus den sozialdarwinistischen Gedanken einer überlegenen Menschenklasse machte. Vulgärnietzscheanismus wird heute auch als „Transhumanismus“ wieder aus seiner Gruft gezerrt — von Leuten, welche die Nuanciertheit dieses Philosophen intellektuell nicht annähernd erfassen. Die Unfähigkeit zur Metapher macht daraus dümmliche Allmachtsphantasien.

Der Trans-Humanismus avant la lettre der Inquisitoren erfordert also nichts weniger, als den Menschen in seinem gesamten Sein zu ändern: Statt eines sich durch Bildung und Kunst frei selbst vervollkommnenden Individuums favorisiert er eine abhängige Kreatur, die bereit ist, Unmenschlichkeit für Übermenschlichkeit zu halten. Schon Giordano Bruno mokierte sich mit Bezug auf die Gottmensch-Idee des „Christus“ über diesen Gedanken: was für ein Irrsinn,

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