Ohne mich!

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20-07-21 03:52:00,

von anonym

„Ich wünsche dir ein gerades Leben“, sagte mir meine Großmutter wenige Tage vor ihrem Tod, als ich die fünf Stunden aus der Großstadt in die Heimat gefahren war und ahnte, dass ich sie zum letzten Mal sehen würde. Es sind Worte, die mich auf immer begleiten werden, wohl auch, weil sie so kryptisch klingen. Ebenso wie die tiefe Dankbarkeit, dass ich mich noch einmal von ihr verabschieden durfte. Meine Großmutter hat mich geprägt, meine Anschauungen, meine Überzeugungen, wuchs ich doch als kleines Kind in der Küche des Bauernhofes auf, wo sie sich um mich kümmerte, während meine Eltern arbeiteten.

Es mag seltsam erscheinen, einen Text über den Abschied aus dem Schulwesen mit einer solchen Erinnerung zu beginnen. Doch in den vergangenen Monaten musste ich oft an die Worte meiner Großmutter denken. „Ein gerades Leben.“ Anfangs hielten diese Worte mich davon ab, mir überhaupt den Gedanken an eine Kündigung zu erlauben. Den unerhörten Gedanken. Den unmöglichen Gedanken.

Ich war Deutschlehrer an einer Grundschule und liebte es, den Kindern Begeisterung fürs Lesen zu vermitteln. Ich liebe die Freude und den Stolz in den Augen der Kleinen, wenn sie einen Text mitlesen, begreifen oder vortragen können. Zu Stundenbeginn las ich stets eine kurze Geschichte vor, und hier lauschten selbst die Wildesten. Geschichten schlagen uns in ihren Bann. Viele davon bringen uns zusammen.

Ich erinnere mich noch an den Augenblick, als mich der Gedanke an eine Kündigung das erste Mal durchzuckte. Es war auf einer dieser unendlich drögen Dienstbesprechungen im Herbst 2020. Natürlich gab es wieder einmal nur ein Thema: Corona. Das Virus. Die Angst. Die Gefahren durch die Schüler. Die bedrohten Risikogruppen. Fast das halbe Kollegium zählte sich dazu. Ich hatte gelernt, mich zu verstellen. Kein Kollege, keine Kollegin ahnte, dass ich zu den verrückten „Verschwörungstheoretikern“ gehören könnte, die all die Lockdown-Maßnahmen für Wahnsinn hielten.

Ich hatte mich seit April 2020 in ein inneres Exil begeben. Ich ging den anderen aus dem Weg, wo immer ich konnte. Mein Platz im Lehrerzimmer war verwaist. Morgens kam ich zur Schule und ging direkt in den Klassenraum. Als Klassenleiter nichts Außergewöhnliches. Und viele glaubten wohl, ich hätte Angst, mich im Lehrerzimmer anzustecken.

Mir fehlte der Austausch mit den Kollegen. Fast alle von ihnen sind hochkompetente und erfahrene Lehrkräfte, die ihren Beruf mit großer Leidenschaft ausüben.

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