Politik auf Kosten der Kinder

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21-07-21 08:04:00,

„Man wird den Verdacht nicht los, dass die Kinder und deren Rechte offenbar auf dem kompromisslosen Koalitions-Altar geopfert wurden“, sagt Michael Klundt im zweiten Teil des NachDenkSeiten-Interviews zum Thema „Kinderrechte“ und „Kinder in der Pandemie“.
Der Politikwissenschaftler erklärt, warum die Kinderrechte nicht in unsere Verfassung aufgenommen wurden und verdeutlicht, warum starke Kinderrechte und starke Elternrechte kein Widerspruch sind. Den ersten Teil des Gesprächs finden Sie unter diesem Link. Von Marcus Klöckner.

Die schweren Probleme, die gerade Kinder aus armen Familien jetzt in der Pandemie haben, kann man doch nicht trennen von der Armut, der diese Familien auch schon vor Corona ausgesetzt waren, oder?

Schon vor der sogenannten Corona-Krise gab es Armut in Deutschland und besonders Kinderarmut. Schon vor dem Frühjahr 2020 ließ sich die soziale Benachteiligung von über vier Millionen Minderjährigen als eine politisch mitzuverantwortende, strukturelle Kindeswohlgefährdung und Kinderrechteverletzung diagnostizieren.

Wer den Stand der Forschung berücksichtigt, muss feststellen, dass ständige Erfahrungen von Mangel und Verzicht vor, während und nach Corona mit dazu beitragen, dass sich junge Menschen, die in ihrer Kindheit Armutserfahrungen machen müssen, weniger wohl und weniger zugehörig zur Gesellschaft fühlen.

Die Gefahr ist real, dass diese Kinder und Jugendlichen aufgrund ihrer Erfahrungen von Perspektivlosigkeit sich später von der Gesellschaft abkoppeln werden. Auch darauf hat die Bertelsmann-Stiftung verwiesen.

Die Bertelsmann-Stiftung hat immer mal wieder das Thema Kinderarmut aufgegriffen. Das ist löblich, allerdings hat die Stiftung auch eine nicht unwichtige Rolle in Sachen neoliberaler Reformen in Deutschland gespielt.

Das darf man nicht vergessen. Die von der Stiftung beklagte „zunehmende Polarisierung“ der Gesellschaft wurde auch von ihr vorangetrieben. Erinnert sei an ihre einflussreichen Konzepte zur Privatisierung, Flexibilisierung, Deregulierung und Neoliberalisierung aller gesellschaftlicher Bereiche, wie etwa Bildung und Sozialstaat. Dazu zählten auch noch ein halbes Jahr vor Beginn der Corona-Krise Vorschläge, die Hälfte aller Krankenhäuser bzw. Krankenhausbetten einzusparen, womit im Frühjahr 2020 in Deutschland sicherlich ähnliche Verhältnisse erreicht worden wären wie in Nord-Italien oder in New York.

Die bislang erhältlichen, spärlichen empirischen Studien zur Kinderarmut während der Corona-Krise zeigen, dass sich diese soziale Polarisierung nicht etwa reduziert hat, sondern vielmehr noch deutlicher als vorher hervorscheint. Wichtig ist jedoch ganz grundsätzlich, dass Armutsanlässe wie Scheidung, Alleinerziehenden-Status, Migrationshintergrund oder sogar Arbeitslosigkeit nicht mit den zugrundeliegenden Ursachen im vorhandenen Wirtschafts- und Sozialsystem verwechselt werden.

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