Vorwärts in die Unmenschlichkeit

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21-07-21 03:39:00,

Hubert Aiwanger fand ich immer ein bisschen befremdlich. Der Niederbayer spricht ein derbes Bayerisch, das selbst für mich, einen gebürtigen Oberbayern, fremd bis exotisch klingt. Er wirkt ein bisschen wie ein Bayer aus einer anderen Zeit. Ja, aus einer ganz anderen, handfesteren Zeit sogar. Der Vorsitzende der Freien Wähler vertrat nämlich noch vor zwei Jahren die Ansicht, dass jeder anständige Bürger ein Messer in der Hosentasche haben müsse. Ob das noch zeitgemäß ist: Nun ja, sagen wir mal, darüber ließe sich sicherlich streiten.

Aiwanger gab jedoch unlängst der Neuen Zürcher Zeitung ein Interview. Schon bezeichnend, dass er das, was er zu sagen hatte, offenbar lieber einer Tageszeitung aus dem Ausland diktierte. Jedenfalls klang der Mann so vernünftig wie nie zuvor. Impfen sei eine persönliche Entscheidung, stellte er fest. Die „Schwarz-Weiß-Denke“ ärgere ihn, und „nach fünfzig Jahren Erziehung zu Toleranz (müsse er) sich schon wundern, wie schnell die öffentliche Meinung auf Leute losgeht, die nicht dasselbe sagen wie einige Fernseh-Virologen“.

Mensch, ausgerechnet dieser konservative Kerl klingt plötzlich so vernünftig, dachte ich mir da. Wie kommt denn das?

Ähnlich erging es mir schon zum Anfang dieser Krisenzeit. Seinerzeit sprach Wolfgang Schäuble von Maßhaltung und darüber, dass die Menschenwürde nicht zwangsläufig als Lebensschutz auf jede erdenkliche Weise zu interpretieren sei. Vor einem Jahr konnte man solche Einschätzungen noch etwas leichter als heute präsentieren — ganz leicht war es aber auch schon damals nicht. Daher imponierte mir der alte Schwarzkofferbeauftragte ein bisschen. Sonst habe ich mit dem Mann wenig gemein. Als Finanzminister war er fröhlich beteiligt an der griechischen Tragödie — er und seine Kanzlerin haben massiv zur europäischen Spaltung beigetragen.

Oder nehmen wir nur die FDP. Das sind ja angeblich Liberale. In den letzten zwei Dekaden haben sie sich aber als verkappte Pseudokonservative zu erkennen gegeben. Als Besitzstandswahrer, die keine Umverteilung zur Schaffung fairerer Verhältnisse forderten, sondern für den Status Quo eintraten, wo immer es ging. Diese Marktkonservativen fordern ständig Gelassenheit, weniger Eskalation und Angemessenheit.

Die AfD übrigens auch. Sie ist ja eine Rippe aus dem Fleisch der CDU; konservative Herrschaften traten aus der Merkel-Union aus und schlossen sich diesem konservativen Projekt an. Viele erklärten das damit, dass sie den Konservatismus innerhalb der Christdemokratie nicht mehr erkennen konnten. Da ist vermutlich sogar was dran, die Union ist weniger konservativ als marktliberal — beides geht aber eigentlich nicht zusammen,

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